Mein Lieblingstier heißt Winter

Foto: Jessica Schäfer
nach Ferdinand Schmalz
Kammerspiele
Uraufführung 26. März 2023
ca. 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Termine

https://www.schauspielfrankfurt.de Schauspiel Frankfurt Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main
Sa. 06.07.2024
20.00–21.40
INHALT
Der Wiener Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht soll einem makabren Wunsch nachkommen. Sein Kunde Doktor Schauer ist fest entschlossen, sich zum Sterben in eine Tiefkühltruhe zu legen. Er beauftragt Franz Schlicht, den gefrorenen Körper auf eine Lichtung zu verfrachten. Zum vereinbarten Zeitpunkt ist die Tiefkühltruhe jedoch leer, und Schlicht begibt sich auf eine höchst ungewöhnliche Suche nach der Person oder Leiche. Dabei kreuzen die Tatortreinigerin Schimmelteufel, ein Ingenieur, der sich selbst eingemauert hat, und ein Ministerialrat, der Nazi-Weihnachtsschmuck sammelt, seinen Weg durch die von Sommerhitze gequälte Stadt und ihre gesellschaftlichen Milieus. Nichts weniger als einige fundamentale Erkenntnisse über die Verhältnismäßigkeit von Leben und Tod gewinnt Schlicht auf seiner selbstauferlegten Mission.
Mit dieser Uraufführung kommt nach »jedermann (stirbt)« wieder ein Stoff des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne. Der Autor nimmt uns in seinem Debütroman mit auf eine abgründige Tour im Stile eines melancholischen österreichischen Krimis, skurril, intelligent und mit der aus seinen Theaterstücken bekannten Sensibilität für Sprache und Form.
PRESSESTIMMEN
»Die Umsetzung auf der Bühne ist tatsächliche ein Meisterwerk, denn Rieke Süßkow hat sich eine Drehbühne bauen lassen, die aus fünf Dioramen besteht. Das sind Schaukästen, wie wir sie aus dem Museum kennen und in diesen kleinen Schaukästen spielen jetzt die einzelnen Szenen. Aber nicht wie wir das aus dem normalen konventionellen Theater kennen, wie eine normale Spielhandlung, dass die Menschen miteinander sprechen und reagieren – Nein – es gibt eine Erzählerin, die sitzt mit dem Rücken zu den Zuschauern. […] Hier wird etwas zitiert, was die ganze Social-Media-Generation und YouTube-Generation kennt – diese Stills gleichen den sehr, sehr unvorteilhaften Thumbnails, wo sich Leute mit offenen Mündern, aufgerissenen Augen in verrenkten Positionen zeigen.[…] Von der Machart, vom Text sehr beeindruckend, der Text ist sehr inspirierend, vor allem aber die Umsetzung auf der Bühne. […] Man wird so viel getriggert, es gibt so viele Metaebenen, der Abend stupst einen an immer wieder in neue Richtungen zu denken. […] Das ganze Framing des Tiefkühlkostboten mag vielleicht sehr ironisch und lustig klingen, es hat aber doch einen tieferen Kern, und das macht die Größe dieses Abends aus: dass er so leichtfüßig daherkommt, so gut gemacht ist und dann so ein ernstes Thema behandelt.«
DLF-Kultur Fazit, 26. März 2023
»Rieke Süßkow hat den Roman nun für die Bühne adaptiert. Warum er dort auch hingehört, beantwortet ihre Inszenierung fast genialisch. […] Katharina Linder muss von da unten her nur einmal mit dem Finger schnipsen – und es wird Licht. Gekleidet in eine lackglänzende, die Widersprüche aufs Schönste vereinende Kombination (abwaschbares Priesterornat in Weiß, Domina-Handschuhe in Schwarz) ist sie, freundlich interessiert und mit samtweich schmeichelnder Stimme, die personifizierte Deutungshoheit über das Geschehen. […] Am Ende dieses so lustigen wie schlauen Abgesangs auf den freien Willen steht ein Schaukasten mit einer großen Ameise. […]«
nachtkritik.de, 27. März 2023
»Was wir darin sehen, kann man als absurd-komisches Nicht-Spiel bezeichnen: Mit Ausnahme weniger Gesten und mit zumeist verzerrter Mimik sind die Rollenträger:innen (darunter: Stefan Graf, Wolfgang Vogler, Tanja Merlin Graf) eingefroren. […] Das hat Witz und Charme und fügt sich überdies in die Konzeption einer Krimiparodie.«
die-deutsche-buehne.de, 27. März 2023
»Mit ihrer starken Setzung verstärkt Süßkow die dominante Erzählebene der mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Krimi-Parodie.«
Frankfurter Neue Presse, 29. März 2023
»Entstanden ist dabei eine grandios-groteske Krimikomödie als Persiflage des Film Noir, von Regisseurin Rieke Süßkow auf wunderbar originelle Art umgesetzt: als Diorama-Theater. […] Diesmal kombiniert er (F. Schmalz, Anm.) grotesken Witz mit manch lohnendem Gedanken – etwa über den Unterschied zwischen natürlichen und unnatürlichen Todesformen. Und das Ensemble zieht dazu genüsslich alle Register. Die Schauspieler dehnen und komprimieren die Zeit, verstärken Geräusche, betonen und überbetonen einzelne Momente wie in einer Super-Slomotion beim Fußballspiel, bis Franz Schlicht schließlich klar sieht.«
Allgemeine Zeitung Mainz, 28.03.23
»Die Umsetzung ist phänomenal, muss man einfach sagen. […] Dazwischen gibt es ganz winzige dramatische Szenen, die so überpompös ausstaffiert sind, dass sie sehr eindrucksvoll sind. […] Davor spricht die Erzählerin in einem weißen Plastikkittel mit schwarzen Latexhandschuhen, eine Wissenschaftlerin aber auch eine Deus ex machina, eine Dirigentin. […] Die Bühnenadaption ist sehr kunstvoll mit ganz neuen Theatermitteln – mit dieser Art Thumbnail-Ästhetik werden auch Töne und Geräusche ganz groß gemacht. […] Es legt diese vielen Metaebenen, die in dieser Inszenierung von Rieke Süßkow stecken, offen. […] Der Text ist toll, die Inszenierung ist toll. Man wird sehr stark inspiriert und das Thema ist auch gut. […] Ein ironisches Spiel mit dem Klimawandel und den Tod, man wird angestupst in ganz verschiedene Richtungen zu denken. […] All das klingt grotesk und skurril, aber ist eine Form von Wirklichkeit, die gar nicht so weit weg ist.«
hr2 Frühkritik, 28. März 2023
»Es sind wirklich grandios gestaltete Kabinen (Bühne Marlene Lockemann), die mal eine Straßenecke, mal eine Pathologie, mal eine Eckkneipe präsentieren. Fabelhafte Wunderkammern, die es in sich haben. […] Jedes Pling, Platsch und Zisch hat hier das Zeug zur Pointe (Sounddesign und Komposition Max Windisch-Spoerk). […] In Frankfurt werden sie alle aufs Schönste vorgeführt. In besagten Dioramen werfen sie sich einfach hinreißend in Positur, schneiden herrlich ambitionierte Grimassen oder glotzen bloß blöd aus der Wäsche. Sabrina Bosshard hat sie perfekt eingekleidet. Die Figuren tragen dazu täuschend echte Halbmasken und wilde Perücken, so dass man selbst langjährige Ensemblemitglieder erst beim Schlussapplaus erkennt. Ein Hoch auf die Maskenabteilung! […] Süßkow rettet den Text fürs Theater, indem sie ihn als Sprachkunstwerk in all seiner Originalität zur Geltung bringt. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen.«
Theater der Zeit, 31. März 2023
»Wie eine Dirigentin steht Katharina Linder in Lack und eine Nuance diabolisch mit dem Rücken zu uns. Sie spricht die Prosa und gibt den Figuren die Einsätze, wobei ihr das Sound Design von Max Windisch-Spoerk mit Finesse, Schärfe und einer der Vorlage angemessenen heiteren Ungemütlichkeit hilft. […] Marlene Lockemann hat ein drehbares Objekt gebaut, das unterschiedlich große Vitrinen vorüberfahren lässt, sinnfällig und pfiffig ausgestattet mit und ohne Mensch oder Tier. […] Sabrina Bosshards Kostüme sind possierlich und lustig, dazu Perücken und Teilmaskierung. […] Das ist feine Unterhaltung, feines Handwerk und Timing. […] Ein noch so raffiniert gemachtes Theaterstück kann dennoch ein Triumph der Prosa sein.«
Frankfurter Rundschau, 8. April 2023
»Katharina Linder gibt diese Erzählerin mit hörbarem Genuss, gern lauscht man ihrer Weltdeutung, während die Spieler:innen in Tableaux vivants immer wieder erstarren und eine Bildergeschichte fürs Theater zeichnen. […] Regisseurin Rieke Süßkow, in diesem Jahr mit Handkes »Zwiegespräch« erstmals zum Theatertreffen geladen, greift energisch in den durchaus ausufernden, raumgreifenden Text ein und sucht sich die Brocken raus, die sie in eine stimmige Bühnenerzählung packen kann. Gemeinsam mit den Spieler:innen, die in den kleinen Kästen stets zu neuen Szenen arrangiert werden, zappt sie sich von der Kneipe »Gitis Eck« und ihren Stammgästen ins Leichenschauhaus oder in die exzentrischen Heimstätten jener Privilegierten, die Tiefkühlkostvertreter Schlicht auf seiner Suche aufstöbert.«
Theater heute, Juni 2023
»Dass die großartige Schauspielerin ihre Position singend dem »Lacrimosa« aus Mozarts Requiem einnimmt (und später verlässt) ist nicht weiter zielführend, aber eine wunderschöne Idee. […] Der Star im Kammerspiel allein ist die Inszenierung. Wie zum Beweis bricht die Regie am Ende alle Kulissen dieser bis ins kleinste Detail von Licht, Sound und permanenten Umbau durchgeplanten Maschinerie auf und legt den fast einhundertminütigen Budenzauber, den sie veranstaltet hat, als technisches Meisterwerk offen. […] Ein sehr ungewöhnlicher, spektakulärer, außergewöhnlicher Abend, coole Konzeptkunst, wenn man so will, auch ein Schauspiel, das den neuen Medien zu trotzen sucht.«
Strandgut, Juni 2023
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