NSU 2.0: Der Film

Foto: Felix Grünschloß
Eine Stückentwicklung von Nuran David Calis
Auftragswerk des Schauspiel Frankfurt
SF DIGITAL
Filmische Uraufführung 14. Mai 2021, 20.00 Uhr
ca. 1 Stunde 40 Minuten
Nach der filmischen Uraufführung ist das Streaming-Angebot noch bis einschließlich 11.06.2021 verfügbar.
TEAM
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Anna Sünkel
Video und Recherche: Karnik Gregorian
Komposition und musikalische Einrichtung: Vivan Bhatti
Kamera und Schnitt: Shabnam Nimi Divingele
BESETZUNG
Torsten Flassig, Lotte Schubert, Mark Tumba
INHALT
»NSU 2.0«, so lautet die Unterschrift unter bisher über hundert Drohschreiben, die seit August 2018 von anonymen Rechtsextremem an Jurist:innen, Künstler:innen, Politiker:innen, Journalist:innen und andere Personen des öffentlichen Lebens versandt wurden. Viele der Todesdrohungen enthalten Daten, die auf eine enge Verflechtung des Absenders mit den Sicherheitsbehörden vor allem in Hessen hinweisen. Im Mai 2021 wurde von Ermittlern der mutmaßliche Verfasser der Drohschreiben in Berlin festgenommen. Die Frage, wer für die illegalen Datenabfragen verantwortlich ist und ob der Täter Unterstützer:innen hatte, steht jedoch weiterhin im Raum.

»NSU 2.0« – die Botschaft dieses Kürzels ist klar. Der sogenannte »Nationalsozialistische Untergrund« NSU, der zwischen 1998 und 2011 mindestens neun Menschen in Deutschland tötete und zahlreiche Verbrechen beging, ist nicht besiegt. Er besteht weiter, auch jenseits der entsprechend unterzeichneten Drohmails, und er kann sich auf ein weitverzweigtes Netzwerk bis hinein in Polizei, Justiz und Geheimdienstbehörden berufen.

Was bedeutet das für Politik, Bürger:innen und Opfer? Wieviel Vertrauen können wir noch in die Behörden und Institutionen setzen, die uns vor Terror schützen sollen? Was wird von den Verantwortlichen unternommen? Der Film- und Theatermacher Nuran David Calis hat zu diesen Fragen mit seinem Team in Frankfurt recherchiert und dabei vor allem die Verbindungen des NSU mit dem NSU 2.0 und den rechtsextremen Terroranschlägen in Hanau und Kassel ins Visier genommen. Er hat Politiker:innen interviewt, die Drohschreiben des NSU 2.0 erhalten haben, und zahlreiche Gespräche mit Betroffenen und Aktivist:innen in Hessen geführt.

Parallel zur Bühnenproduktion unter Covid-19 Hygieneschutzmaßnahmen ist dabei eine filmische Umsetzung der Arbeit entstanden. »NSU 2.0: Der Film« ist eine semi-dokumentarische, künstlerische Auseinandersetzung mit einer Bedrohung, die längst nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft zu verorten ist – wenn sie das jemals war.
PRESSESTIMMEN
»Calis zeigt dabei übrigens sein gutes Gespür für Timing. Alle bekommen Zeit, nichts wirkt gehetzt oder flüchtig, dabei ist – der Lage entsprechend –alles bruchstückhaft. Flassig, Schubert und Tumba sind selbst mit dabei. In kurzen, starken Momenten kommen sie hinter ihren – mit fesselnder, fiebriger Aufmerksamkeit gesprochenen – Texten hervor.«
Frankfurter Rundschau, 7. Juni 2021
»Der karge szenische Raum der Kammerspiele, in dem eigentlich live gespielt werden soll, eignet sich bestens als Filmset. […] Die Monologe der Täter, entnommen Protokollen und Bekennerschreiben, entfalten ihren Schrecken, wobei die Vortragsweise, mit sprachlichen Manierismen und Ticks, ihnen bisweilen etwas Lächerliches hinzugefügt. […] Wenn sie von einer diversen Gesellschaft, die aber nicht gelebt und repräsentiert werde, reden, von Rassismus, von Shisha-Bars als sicheren Orten, weil es für Ausgegrenzte keine anderen gebe, davon, dass es eine gemeinsame Geschichte braucht und die Wahrnehmung des anderen als Menschen; wenn rassistische, sexistische Sprüche von AfD-Mitgliedern zitiert werden, dann fügt sich alles zu einem schlüssigen Bild. Doch darin ist, abgesehen von den strukturellen Schlussfolgerungen so viel von Gefühlen, Mutmaßungen, Haltungen die Rede, dass das Stück auch zutage fördert, was fehlt. Sich gleichberechtigt dem Komplexen zu stellen, dem was zwischen dem vermeintlich Eindeutigen liegt. So wird, erst recht beim Stream eines verfilmten Stücks, schmerzlich bewusst, was jetzt fehlt, ein Diskursraum. Der vielleicht das Theater sein könnte.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2021
»Das starke Stück drängt auf ein Hin- statt Wegschauen, auf Strukturen, Akteure und ein Klima, das rechten Terror befördert.«
die-deutsche-buehne.de, 15. Mai 2021
»Entstanden ist erwartungsgemäß ein eminent politischer Theaterfilm, der am meisten durch seine dokumentarische Kraft überzeugt. Er muss sein Zuschauer nicht geradeaus auffordern, aber die zahlreichen Originalzitate der Mörder wie auch der Klimavergifter suggerieren eine notwendige Agenda des akuten zivilgesellschaftlichen, politischen und juristischen Gegensteuerbedarfs. […] In der vermittelten suggestiven Alarmstimmung, die ohne volkspädagogische Penetranz herüberkommt, liegt vielleicht die Besonderheit dieser aktuellen dramatischen Beschäftigung mit dem NSU-Thema.«
nachtkritik.de, 15. Mai 2021
»Öffnet die Darstellerin ihre Augen, bekommt ihre groteske Mine wieder einen natürlichen Ausdruck. Es ist nur ein maskenbildnerisches Detail von Nuran David Calis neuem Theaterstück, aber ein Detail, das die Doppelgesichtigkeit der NSU-Terroristin effektvoll zum Ausdruck bringt. Nur ein Wimpernschlag liegt zwischen dem Banalen und dem Bösen.«
SWR2, 14. Mai 2021

»Obwohl die Kamera nicht mehr anbietet, als in der nüchternen Bürolandschaft zwischen Tischlampen und Aktenbergen von einem der drei Schauspielern zum nächsten zu wandern, staut sich mit jedem ruhigen Unterspielen, jedem bewussten Augenaufschlag und jeder zitierten Ungeheuerlichkeit aus Verhörprotokollen, Manifesten und Zeugenaussagen eine inhaltliche Wucht auf, die nachhaltig durchschlägt. […] Nur ein zartes Augenöffnen trennt das banale Böse von der Normalität des Alltags. Auch die anderen beiden Schauspieler treiben das warm- und kaltäugige Wechselspiel zur Perfektion.
Frankfurter Neue Presse, 19. Mai 2021
Foto: Felix Grünschloß