Jedermann (stirbt)

Foto: Arno Declair
von Ferdinand Schmalz
Schauspielhaus
Deutsche Erstaufführung
31. Januar 2020
ca. 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
INHALT
Jedermann ist ein selbstherrlicher Banker, die Zeiten sind hart, nüchtern und gottlos. Geld regiert die Welt und ersetzt die Religion. Während sich draußen auf den Straßen Unruhen ankündigen, will Jedermann hinter Zäunen in seinem Garten ein Fest feiern. Einer der Gäste ist der Tod. Als dem Manager schwant, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat, bittet er um Aufschub. Doch wie für jedermann gilt auch für ihn: Alle Menschen müssen sterben und jede_r stirbt für sich allein. Sein Geld wird ihm am Ende nichts nützen. Aus Jedermann wird Niemand werden. Und die Frage bleibt: Was kommt danach? NICHTS? 
Der junge österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz befreit das zu einer der Ikonen des Theaters gewordene Original von Hugo von Hofmannsthal aus dem engen Moral-Korsett des mittelalterlichen Mysterienspiels. Sein spielerischer Umgang mit Sprache und Versmaß, Schärfung und Ausweitung der Konflikte durch Einbeziehung heutiger gesellschaftlicher Zustände transportiert diese Neufassung in unsere Gegenwart.
Regisseur Jan Bosse eröffnete die Spielzeit 2017/18 mit einem furiosen »Richard III« und geht in der Inszenierung von »jedermann (stirbt)« erneut der Frage nach: Wer oder was regiert unsere Welt?
PRESSESTIMMEN
»Ein ziemliches Brett. Rhythmisch, melodiös, bankensprechlastig, unterhaltsam. […] Wolfram Koch […] spielt den Jedermann mit Vollgas. Strampelt, zuckt, wütet, wimmert. Und ist dabei oft grotesk-komisch. In einem der stärksten Momente des Stückes versucht er in voller Verzweiflung, die dahinplätschernde Gartenparty doch noch zu retten. »Jetzt kommt Stimmung wieder auf!«, brüllt er im Befehlston, stampft auf wie ein kleines, trotziges Kind, das seinen Willen nicht bekommt, steckt sich den Gartenschlauch in den Mund. Man schaut ihm gern beim Scheitern zu. […] Der Jedermann-Banker ist ein Getriebener, ein im Käfig Gefangener, arrogant, wütend und verletzbar zugleich, eine deutlich ambivalentere Figur als üblich. Und Schmalz’ Sprache ist ein faszinierender Bastard, mischt die Floskeln und Bilder aus der Bankenwelt mit schönen Versen. Jan Bosse inszeniert das Ganze gekonnt schrill. Die Kostüme sind knallbunt, ein Chor gibt Stichworte aus dem Off des Zuschauerraums und stimmt Kirchenmusikhaftes an, der Abend hat Tempo […]. Und ja, so einen »Jedermann« sollten sie auch mal in Salzburg auf die Bühne bringen. Das wäre mal was.«
nachtkritik.de, 31. Januar 2020
»Eine deutliche und kluge Kapitalismuskritik […] eine schrill-bunte, witzige, bissige und auch sehr zeitgemäße Jedermann-Adaption.«
hr2 Frühkritik, 3. Februar 2020
»Der Frankfurter »Jedermann« spielt mit Genres und Zitaten, mit abrupten Tempo- und Stimmungswechseln. Ein rasanter Theaterabend mit großartigen Darstellern.«
3sat Kulturzeit, 3. Februar 2020
»Die […] Auftritte von Mammon und den Guten Werken verwandelt Katharina Bach in furiose Zirkusnummern, erst als goldene Freiheitsstatue, dann als hoch in der Luft herumturnendes Charity-Girl, das sich auch noch über das eigene Tun, das Theater, die Techniker und überhaupt alles lustig macht. […] Toll sind die, die fast immer da sind, die "(teuflisch) gute Gesellschaft", verkörpert von Heiko Raulin, und eben die Buhlschaft, also der Tod. Raulin triezt mit eisiger Sprachgenauigkeit den Jedermann wegen dessen zynischer Geschäfte und macht sich über dessen Angst vor der Welt da draußen lustig. […] Und sie [Mechthild Großmann] malt ihm das Bild eines allerletzten Festes aus, einen Totentanz. Das ist jene Schlussszene, die einfach in Stille verhallt, in der Großmann sanft von allen spricht, die innerlich schon tot sind, fäulniszerfressen, für die der Tod eine Erlösung ist. Diese Szene bleibt lange haften, man trägt sie mit hinaus, in die Bankenwelt Frankfurts.«
Süddeutsche Zeitung, 6. Februar 2020
»Wolfram Koch in der Titelrolle mit echter Rolex und falschem Wanst, meist nur in Schlüpfer und Feinripphemd gekleidet, ist ein Ereignis, stimmlich, gestisch, körperlich. […] Regisseur Jan Bosse inszeniert »Jedermann (stirbt)« von Ferdinand Schmalz als hochtourige, knallbunte Farce in amorpher Umgebung. Das hat Witz und Unterhaltungswert […] Der »Jedermann« gehört zu Salzburg wie die Mozartkugel zur Getreidegasse, aber fortan in der Fassung von Ferdinand Schmalz.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Februar 2020
»Kochs Jedermann: Das Zentrum des Geschehens. […] Koch gestaltet das aber unerwartet. Nicht nur, indem Plath für ihn eine gnadenlose Kostümierung vorsieht […] Kochs Jedermann ist überhaupt keine Karikatur. […] Obwohl sein Jedermann offenbar ein Fatzke ist, lärmt er selten herum, die Angst vorm Sterben macht ihn dann noch etwas stiller. Ein Mensch, ein Jedermann. Das ist es, was den Abend, zweieinviertel Stunden, keine Pause, wirklich schillern, nicht bloß glänzen lässt. […] Eine komödiantische Einlage höchster Güte ist Katharina Bachs Auftritt als »gute werke« […] Peter Schröder ist ein erfrischend humorloser »armer nachbar gott« - immer wieder wechselt auf diese Weise der Tonfall, geschickt und lebhaft.«
Frankfurter Rundschau, 3. Februar 2020
»[…] eine zeitgemäße, hochspannende Aktualisierung der berühmten Vorlage […]. Die Sprache wechselt zwischen hohem Ton und Alltagssound kunstvoll hin und her. In zahlreichen Momenten ist sie rhythmisch, poetisch, bisweilen virtuos – wenn er Jedermann etwa von der Macht des Geldes schwärmen lässt. […] Einigen Platz hat Regisseur Bosse […] für Witz und Pointen reserviert. Doch am Stärksten ist seine Inszenierung, wenn seinem Jedermann die Gewissheiten abhandenkommen und sich Zweifel, Unsicherheit und Aggression breitmachen. Wolfram Koch zeigt diese Wandlung mit großer schauspielerischer Intensität. Am Ende fügt er sich überwältigt in sein Schicksal und wird von der wunderbar dunklen Buhlschaft Mechthild Großmann an die Bühnenrampe geführt. Dann legt sie ihm und dem Publikum dar, wie »selten der Rhythmus des Lebens stockt«, in dem man sich der eigenen Endlichkeit bewusst wird. Für ein solches erhellendes Stocken sorgt dieser starke Theaterabend.«
Allgemeine Zeitung Mainz, 3. Februar 2020
»Atemberaubend, bildgewaltig. […] »jedermann (stirbt)«, die Neufassung von Ferdinand Schmalz, ist großes Theater auf großer Bühne mit einem wunderbaren Ensemble. Ein kurzweiliger, tiefgründiger und humorvoller Abend.«
Saarländischer Rundfunk, 1. Februar 2020
»Wenn er dann auf den Tod wartet und um Aufschub bittet, um eine Stunde Frist, beginnt nochmal ein ganz anderes Stück, eines, dass mit Francis-Bacon-artigen Bildern arbeitet, mit Plastiktüten-Selbststrangulation und Folter, mit dem Krieg gegen sich selbst. Das Spiel vom Sterben halt. Dass das gelingt, hat […] mit der wunderbaren, magischen Mechthild Großmann zu tun, die sowohl die Buhlschaft als auch, raumgreifend, den schwarzgewandeten, glatzköpfigen Tod spielt. Allein ihre basslastige Stimme bringt eine dunkle Ernsthaftigkeit in die Aufführung […].«
SWR 2, 1. Februar 2020
»[…] die (teuflisch) gute Gesellschaft, (Heiko Raulin, agil in Glitzer, sehr überzeugend) […]. In allegorischen Figuren wird seine [Jedermanns] Vergangenheit wieder wach: die guten Werke, hier Charity genannt, im bezaubernden Flug einer engelartigen bunten Figur, die gen Himmel verschwindet (Szenenapplaus!), der schnöde Mammon, golden glitzernd in Jedermanns Käfig tanzend (beides absolut hervorragend: Katharina Bach). […] Jedermanns Buhlschaft […] aber ist hier dem Tod gleichgestellt. Eine ganz hervorragende Mechthild Großmann ist hier zu sehen, kahlköpfig, in Schwarz, mit bekannt tiefer Stimme. Fast liebevoll sitzt sie mit Jedermann am Schluss am Bühnenrand, spricht zehn (!) Minuten lang mit ihm über das Leben im Sterben und das Sterben im Leben, ohne zu langweilen. Zum Schluss lehnt sie, der Tod, den Kopf an Jedermanns Schulter. Ein wunderbares Schlussbild.«
Strandgut, März 2020
» […] Mechthild Großmann als eine Art Revuesängerin mit Glatze, die erstmal zur Trauerrede ansetzt, raustimmig und unheimlich schön, eine undurchsichtige Vertreterin der Nacht - und die einzige Figur, die Jedermann Respekt einflößt. Und natürlich ringen Gott und Teufel um Jedermanns Seele wobei sie, wie die Buhlschaft auch, gleich mehrere Rollen auf sich vereinen: »die (teuflisch) gute gesellschaft« ist zugleich Jedermanns rechte Hand, Security-Chef und Teufel, agil, aalglatt und auftrumpfend gespielt von Heiko Raulin im silbrigen Overall […]. Peter Schröder gibt wunderbar trocken und unbeirrt den erschöpften Schöpfergott, der zürnt, weil alles menschliche Tun Berechnung ist, und sich dennoch beharrlich an den Jedermann heftet, um einen Fetzen Gutes in den Untiefen der Kapitalistenseele zu finden. Und Jedermann? Ach. Der ist aasig, grausam, narzisstisch, arrogant und verzweifelt, wie er da in seinem selbstgeschaffenen Käfig herumtigert, gewaltsam die Strippen seiner Macht zusammen- und sich zugleich die Welt vom Leib haltend, unter ungeheurer Körperspannung. Wenn er der für ihn undurchsichtigen, rätselhaften buhlschaft tod lauscht, kauert er fiebrig, bange, nervös bis in die Fingerspitzen […]. Die Stärken des Stückes liegen ganz klar in seinen Dialogen, spitz, scharf, komisch, in denen auch das Ungesagte schwerwiegt.»
Theater heute, März 2020
Foto: Arno Declair