Der Theater­macher

Foto: Thomas Aurin
von Thomas Bernhard
Schauspielhaus
Premiere 20. Juni 2021

Termine

https://www.schauspielfrankfurt.de Schauspiel Frankfurt Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main
So. 14.11.2021
18.00–20.30
Ausverkauft
evtl. Restkarten an der Abendkasse
TEAM
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Mitarbeit Bühne: Andrej Rutar
Kostüme: Victoria Behr
Dramaturgie: Katrin Spira
Licht: Frank Kraus
BESETZUNG
Wolfram Koch (Bruscon, Theatermacher)
Irina Wrona (Frau Bruscon, Theatermacherin)
Fridolin Sandmeyer (Feruccio, deren Sohn)
Marta Kizyma, Annie Nowak (Sarah, deren Tochter)
Anna Kubin (Die Wirtin)
Tanja Merlin Graf (Erna, deren Tochter)
INHALT
Jetzt ist er da gelandet, wo er nie hinwollte: Der Staatsschauspieler Bruscon inspiziert den Tanzsaal des Gasthofs »Schwarzer Hirsch« in Utzbach. Inmitten dieser »bauwerklichen Hilflosigkeit« soll also sein Stück »Das Rad der Geschichte« gezeigt werden. Doch damit nicht genug. Er, der sich entschlossen hat, durch die Provinz zu touren, statt an großen Häusern zu brillieren, steht mit seinen unbegabten Kindern und seiner dauerhustenden Frau auf der Bühne. Die letzte Chance für eine gelingende Aufführung ist, dass die Notbeleuchtung am Ende ausgeschaltet wird. Bruscon weiß, dass er damit die Feuerwehr vor eine unlösbare Aufgabe stellt. Eitel und misanthropisch redet er sich einen Skandal herbei. »Das Theater ist keine Gefälligkeitsanstalt «. Doch dann kommt alles anders, das Notlicht darf ausgeschaltet werden und die Zuschauer bevölkern den Saal. Ob die Aufführung »einfach so« über die Bühne geht? Der missgelaunte, gleichzeitig unerträgliche und unwiderstehlich komische Theatermacher ist eine der bekanntesten Figuren des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard.
Gefördert vom Patronatsverein.
PRESSESTIMMEN
»Koch ist als Spieler nicht der vergeistigte Typ. Er hat das Zupackende eines Hausmeisters oder Ersthelfers, der zur Stelle ist, wenn ein Theaterkarren aus dem Dreck gezogen werden muss. Über die Jahre hin hat er sich als einer unserer besten, uneitelsten und körperlich fittesten Komödianten erwiesen – Heldendarsteller und Stuntman in einem.[…] Wo bei Bernhard der Bruscon vor allem ein selbstgefälliger Schwadroneur, ein unbeweglicher Monologist ist, zeigt Wolfram Koch ihn als Akrobaten, als einen vom Kunstzwang gejagten Halsbrecher und Hasardeur, den Gefangenen seiner inneren Zustände. Alles, was bei Bernhard in den Seelen und Köpfen der Figuren stattfindet, wird von Herbert Fritsch, der auch das Bühnenbild schuf, nach außen, ins Räumliche verlegt, ja umgestülpt. Wichtigstes Symbol dieser Umstülpung ist: ein Loch. Es ist, kaum größer als eine Schuhschachtel, in den Boden eingelassen. Das Publikum ahnt früh, dass im Verlauf der Vorführung Dutzende Male Leute in das Loch treten werden […] Dieses Loch ist die Falle, das oberste Theaterzeichen des Abends. […] So was funktioniert nur leibhaftig. Einen wie ihn erlebt man nicht bei Netflix. Um so einen zu sehen, muss man ins Theater.«
Die Zeit, 24. Juni 2021
»Zweieinhalb Stunden hadert und nörgelt, wütet und grantelt, winselt und wettert Wolfram Koch im Frankfurter Schauspiel, dass es eine Lust ist. Kochs Bruscon ist ein Theaterwahnsinniger und Menschenschinder, ein Pedant und Besessener, Kunstkrämer, Untergeher und genialischer Fantast. Er greint, er jammert, er jubelt. Er schweift umher in den unendlichen Weiten seines Größenwahns und verliert sich in den Winkeln einer kleinkarierten Seele. Es sind die Hasstiraden, Verachtungs- und Verwünschungsexzesse eines heruntergekommenen Theaterhelden, eines Bühnenhanswursts und frauenfeindlichen Kunsthochstaplers, der zwischen Frittatensuppe und Saalmiete den Abgesang auf 2000 Jahre Theater anstimmt. Koch übersetzt das in saftiges, herrlich sinnliches, urkomisches Theater. […] Es ist ein Tanz der theatralischen Elementargeister, den Fritsch hier inszeniert. Aus dem Elend des alteuropäischen Theaters macht Fritsch ein enormes Darstellervergnügen, aus der Entlarvung ein magisches Hexentheater, in dem es blitzt und donnert und die Farben glühen wie in Doktor Faustens Alchemistenküche. Die Fragen, die sich ergeben könnten, spielt das blendend gelaunte Ensemble einfach weg. Und das ist die beste Antwort.«
Frankfurter Neue Presse, 22. Juni 2021
»Auch wenn bei Thomas Bernhard immer eine blassblaue Minetti-Peymann-Salzburg-Aura aufschimmert, gelingt es Regisseur Herbert Fritsch, dem Bravourstück ganz neue Facetten abzugewinnen. Einmal durch das furiose Agieren der Hauptfigur: Wolfram Koch ist ein wieselflinker Theatermacher. Selbst im Stolpern Fallen fabuliert er weiter, taucht kopfüber und kopfunter ab – und spielt dennoch alle um ihn her unwiderstehlich gekonnt an die Wand. Er ist ein grandseigneuraler Irrwisch, der alle anderen zu Komparsen seiner Manie werden lässt. Nicht weniger bemerkenswert ist die uhrwerksartige Mechanik der Figuren, die er gleichermaßen animiert, in Gang setzt und — abkanzelt. Man glaubt zwar, die Thomas Bernhard‘sche Vernichtungs-Rhetorik hinreichend zu kennen - kann sie aber an diesem Abend neu entdecken: In Form einer beseligenden Kraft theatralischer Einfälle und Auftritte.
Fritschs Regie haucht selbst den unzähligen Stühlen, die von den tänzelnden Akteuren immerzu neu arrangiert, um-und-umgestellt und gestapelt werden, eine Art Eigenleben ein.«
Deutschlandfunk - Kultur heute, 21. Juni 2021
»Fritsch tut also an einem neuen Ort, was er überall am besten kann: Das Theater auf eine Weise feiern, die sich selbst nicht so ernst nimmt – in diesem Fall allerdings mit einem Stoff, der die Bedeutung des Theaters bis zur Lächerlichkeit verabsolutiert. Sein Spezi und Lookalike Koch, aber auch die Schauspieler, die seiner Theaterfamilie (noch) nicht angehören, haben sichtlich Spaß dabei, den Witz aus den Worten zu kitzeln, sie in Bewegungen zu übersetzen und auch Kurz- und Kürzestsätzen die Wucht und Tonalität einer Arie zu geben. Ja, ein bisschen geht dabei die Bernhardsche Bosheit flöten, aber dafür brütet etwas Unheimliches in dem Raum, den Fritsch und sein Bühnenbild-Assistent ohne rechte Winkel zusammengebaut haben, aus Wänden, die wie Billig-Furnier geädert und von schwarzen Geweihen behangen sind. Der Tanzsaal im "Schwarzen Hirsch" ist ein Ort wie das Wirtshaus im Spessart, an dem es aus dem Bühnen-im-Bühnen-Portal schreit und an dem der Wirt sich gerade rechts hinter die Kulissen geruckelt hat, da zuckelt er links wieder heraus.«
nachtkritik.de, 20. Juni 2021
»Nicht von ungefähr spielt der formidable, mit allen Komödienwassern gewaschene Wolfram Koch den monomanischen Tiradenschwinger Bruscon als Fritsch-Doppelgänger – allerdings in der Aufmachung eines Professors Unrat, mit Hut, Weste, Fliege und Stock. Und mit der Dynamik eines Rumpelstilzchens auf Speed. Schier unglaublich, wie er zweieinhalb Stunden lang das Empörungs- und Energielevel hält, mit welcher sprachlichen und körperlichen Verrenkungsakrobatik er durch den Theaterhöllenparcours tanzt, turnt, tingelt, in permanenter Verstiegenheit und Übersteigerung, expressiv bis zum Umfallen (was er gelegentlich tut). König der Stolperer, Übervater der Klamotte, Weltmeister im Stehleiter-Klamauk. Eine Bravourleistung, das Gegenteil des „Antitalentismus“, den der Gröschaz Bruscon („größter Schauspieler aller Zeiten“) seiner von ihm tyrannisierten Familie bescheinigt. […] Im Theater gewesen. In die Falle gegangen. Wieder einmal.«
Süddeutsche Zeitung, 22. Juni 2021
»Herbert Fritsch ist und bleibt der Magier des alternativen Schauspieler- und Schauspielerinnen-Theaters«
die-deutsche-buehne.de, 21. Juni 2021
»Regisseur Herbert Fritsch gibt seinem seit vielen Jahren eng verbundenen Hauptdarsteller jede Menge weiteren Raum, um dessen Qualitäten auszuspielen. So brüllt und jammert, barmt und greint sich diese groteske Karikatur eines Intellektuellen wunderbar durch die Gaststube, während Koch bisweilen gleichzeitig manche Slapstick-Einlage zu meistern hat.«
AZ Mainz, 22. Juni 2021
»Ein riesiger Monolog, den Wolfram Koch zu sprechen hat, aber dadurch dass die anderen sechs Ensemblemitglieder auch so virtuose Körperschauspieler sind, reagieren sie im Prinzip auf seine Rede wie mit Tönen, mit Gehuste, mit ganz vielen Klängen, wie in einer Oper. Es ist also eine richtig durchkomponierte Partitur. Sogar das Umkippen von Leitern, diese ganzen Klänge, der Krach ist komplett durchkomponiert, hat man den Eindruck. Das ist also wahnsinnig virtuos gemacht und am Ende entsteht da ja nicht nur ein Theaterstück auf dem Theater, sondern es ist im Prinzip eine Charakterstudie eines komplett depressiven Egozentrikers, der gar nicht nur ein Schauspieler sein muss, sondern den wir so in der Gesellschaft auch finden. Was eben besonders gut gelungen ist ist zu zeigen, was für ein soziales Umfeld er sich schafft und wie dieses soziale Umfeld servil und devot auf ihn reagiert um überhaupt in so einer Aura überleben zu können. Das ist wirklich gut gemacht, dass die Wirklichkeit auf dem Theater fake ist, aber auch in der Realität oft gefaked ist, das kann man einfach nicht besser darstellen, als mit diesen Papierstühlen, die aufgebaut werden, abgebaut werden, umgebaut werden, gestapelt werden und auf dem nur einer immer sitzen kann, nämlich er, Wolfram Koch, der depressive Egomane«.
Deutschlandfunk Kultur - Fazit
Foto: Thomas Aurin
Jedes Wort wirbelt hier Staub auf.
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