Jugendclub_digital

Im April 2020 haben wir den Jugendclub_digital gefgründet, um weiter mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Voller Neugier starteten die ersten digitalen Workshops im Home-Office und Wohnzimmern. Allen technischen Herausforderungen zum Trotz, entwickelten wir ausgehend von den Themen, die uns in diesen ungewöhnlichen Wochen bewegt haben, ein Projekt. Ausgangspunkt waren die ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes: Welche Rolle spielen die Grundrechte in unserem Alltag? Bemerken wir die Freiheiten erst, wenn sie eingeschränkt werden? Und wie definieren wir Begriffe wie Vertrauen und Solidarität? Aus dem Web-Projekt entstand eine Open-Air Performance vor dem Schauspiel auf dem Willy-Brandt-Platz.
Außerdem gab es digitale Schauspieltrainings und kreative Arbeiten zu unserer Postkarten-Aktion »EinSatz gefragt«.

Einsatz gefragt

Eure Ideen zu unseren Stückzitaten
Wir haben Euch unsere Postkarten mit Stückzitaten geschickt und euch gebeten, den Spruch in Szene zu setzen, zum Beispiel als Cartoon, gemaltes Bild, als Foto oder kurzes Video. Ihr habt Titel und Texte dazu geschrieben und euch gefragt: Was sagt mir dieser Satz gerade?

Foto: Annika Neebe (Jugendclub, Ensemble »Heidi in Frankfurt – Ein Integrationstheater«)

»Wir sind so oft leise, wo wir laut sein müssten«

Text: Daria Kesselmann
Wie oft habe ich nachts schon davon geträumt, dass aus der schüchternen, leisen und introvertierten Rosalie die mutige und furchtlose Rose wird. Tagsüber bin ich Rosalie. Das Mädchen, das in einer Menschenmenge immer übersehen wird, weil sie so unscheinbar ist. Das Mädchen, das während einer Diskussion in der Klasse nie ihre Meinung sagt, weil sie Angst hat, dass die Mitschüler sich über sie lustig machen und sie noch tagelang später hänseln. Das Mädchen, das immer nett lächelt und ihren Klassenkameraden hilft, obwohl sie ganz genau weiß, dass sie nur ausgenutzt wird. Und doch hilft dieses Mädchen immer wieder den Menschen, die über sie Gerüchte verbreiten und die ihr weismachen, sie hätte keine Freunde und sie auch nie haben wird, einfach aus der Hoffnung heute in Ruhe gelassen zu werden. Das ist Rosalie.

Doch nachts wird aus Rosalie Rose. Rose ist mutig und das Gegenteil von Rosalie. Sie setzt sich für andere Menschen ein, hat keine Angst ihre Meinung zu sagen und ist selbstbewusst. Für Rose spielt die Meinung anderer keine Rolle. Sie weiß, dass die anderen sie nicht wert sind. Das ist Rose.

Doch gerade in diesem Moment liege ich nicht schlafend im Bett und ich träume auch nicht von meinem anderen Ich. Im Moment stehe ich auf dem Schulhof in einer johlenden Menschenmenge. Torben der Junge, der am Liebsten Menschen wehtut, prügelt auf Jonas ein, der genauso ist wie ich−schüchtern und voller Selbstzweifel. Jonas Nase blutet schon. Er keucht, er hustet. Torben schlägt immer noch auf ihn ein, auch wenn Jonas schon am Boden liegt und keine Kraft mehr hat weiter zu kämpfen. Und alles nur, weil Jonas vergessen hat, Torbens Hausaufgaben zu machen. Die Menge johlt und feuert Torben an. Alle schauen zu. Auch ich. Ich sehe zu wie Torben Jonas seine Rippen bricht. Eine nach der anderen. Rose hätte das nie zugelassen. Sie wäre in die Menge gestürmt, hätte Torben weggeschubst und Jonas geholfen.
Doch ich bin nicht Rose, sondern Rosalie.
Ich habe zu viel Angst mich einzumischen, bin zu verloren, zu schockiert von mir selbst. Ich bekomme es nicht einmal hin, einen Lehrer zu holen oder die Polizei zu rufen. Stattdessen sehe ich schweigend zu und mache nichts. Wie jeder andere auch.

»Zeichen setzen«

Foto und Text: Darya Sotoodeh
Informiere lese schreibe
unterschreibe setze Zeichen
Dann? Denkst du dir
Und ich denk mir
Jeder tut was er kann
Doch dann ist da eine Wand
Vor mir
die nicht weiter weiß
Was habe ich damals gemacht
werd ich mich mal fragen

»Barbie - sponsored by Product Enslavement«

Collage und Text: Sophie Löbermann
Barbie ist für mich Symbolfigur eines toxischen Frauenbildes, das von Werbekampagnen, Marken und Zeitschriften unterstützt und als "Idealbild der Frau" verkauft wird. Ich musste bei dem Postkartenspruch und der Collage auch an Influencer*innen auf Instagram und YouTube denken, die ihren Lebensunterhalt größtenteils aus Werbeeinnahmen finanzieren. Produkte werden oft nicht ehrlich empfohlen, sondern auf Grund der Bezahlung. Auch dafür steht die Collage. Die Influencer*innen sind schließlich abhängig von ihren Geldgebern.

»Man hat sich nun mal an sich selbst gewöhnt«

Foto und Text: Aylin Ciftci (Jugendclub, Ensemble »Swop«)
Man muss sich an Vieles gewöhnen
Man muss sich an Situationen gewöhnen
Man muss sich an Personen gewöhnen
Man muss sich an Lebensumstände gewöhnen
Man muss sich an seine Stärken gewöhnen
Man muss sich an seine Schwächen gewöhnen
Man muss sich für sich selbst Zeit nehmen
Man muss sich wohlfühlen, mit der Person, die man ist
Man muss vor allem im Reinen mit sich selbst sein
Man muss sich nun mal an sich selbst gewöhnen

Jens Spahn nervt

Illustration und Text: Isaak Kudaschov (Ensemble »Swop«)
die illustration bezieht sich auf den tag, an dem das deutsche rote kreuz ein paar krankenwagen auf den uni campus gestellt und werbung fürs blutspenden gemacht hat, denn deutschland hat bekanntlich einen ernsthaften spender*innenmangel. tja, leider dürfen homosexuelle menschen nach wie vor weder blut noch plasma oder irgendwas spenden, also wenn deine oma auf der warteliste stirbt, dann darfst du dich bei jens spahn bedanken.
+ergänzung: homosexuelle dürfen nach 1 Jahr sexueller enthaltsamkeit Blut spenden. schwule dürfen also unter der voraussetzung, dass sie sich entwürdigenden fragen stellen ("wann hatten Sie das letzte mal...?) in deutschland blut spenden.

GRUND[GE]SÄTZLICHES

Jugendclub_digital goes analog
GRUND[GE]SÄTZLICHES

Am 21.06.20 performten 16 Jugendliche die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes auf dem Willy-Brandt-Platz.
Entstanden aus einem digitalen Workshop während des »Lockdown« zu Begriffen wie Vertrauen und Solidarität, gespeist aus der Sehnsucht nach Austausch und auf der Suche nach einer gemeinsamen Basis, erwuchs aus dem kleinen Web-Projekt eine Performance zum Grundgesetz. Beim Saisonabschluss »Jugendclub Total« Ende Juni verwandelte sich der Willy-Brandt-Platz vor dem Theatereingang in eine gemeinsame Bühne für sechzehn junge Performer_innen, 20 Artikel, Texte und Bilder aus dem Lockdown.

Mit Mohammed Abdullah, Baha Edin, Schlomo Ettling, Daniel Fersat, Can Hormann, Livia Jarnagin, Cosma Jünnemann, Daria Kesselmann, Natalie Kreppner, Isaak Kudaschov, Alexendre Mbonigaba, Anna Pitellos, Lou Siebold, Jennifer Trippel, Rhoda Zündorf, Marian Zwarg