Foto: Birgit Hupfeld

Du fürchtest mich doch nicht?

»Wir vernichten, was wir lieben«, so brachte die Schriftstellerin Christa Wolf das Thema von Kleists »Penthesilea« auf den Punkt. Es ist eine kriegerische, auf Gewalt beruhende Welt, in der die Amazonenkönigin und der griechische Heerführer Achill wie zwei Gestirne aufeinanderprallen und an ihrer fatal entgrenzten Liebe zueinander schier verglühen. Auf dem Schlachtfeld müssen die Amazonen ihre Männer finden und besiegen, so will es das Gesetz. Kriegsheld Achill hat noch nie ein Gefecht verloren. Er fordert Penthesilea zum Zweikampf, in den er jedoch unbewaffnet zieht, um sich ihr als Unterlegener preiszugeben. Dies Liebesgeständnis verkennend tötet ihn die Amazone blind vor Leidenschaft in mörderischer Ekstase. Michael Thalheimer inszeniert Kleists sprachliches Meisterwerk in einer auf drei Personen konzentrierten Fassung.

Seit der Eröffnung der Intendanz von Oliver Reese 2009 mit dem Doppelprojekt »Ödipus/Antigone« inszeniert Michael Thalheimer kontinuierlich am Schauspiel Frankfurt. Zu seinen Inszenierungen zählen u.a. »Maria Stuart« von Friedrich Schiller und Euripides’ »Medea«, die 2013 zum Theatertreffen in Berlin eingeladen wurde. Michael Thalheimer gehört zu den herausragenden zeitgenössischen Theatermachern Deutschlands. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.
Pressestimmen
Außer ganz oben, auf der Spitze, die ein Abgrund ist, wo Penthesilea thront, als der Eiserne Vorhang im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels sich maßvoll knirschend hebt für einen Theaterabend, der für Kleists Tragödie der Maßlosigkeiten eine strenge, ganz auf die Wucht der Worte vertrauende und deshalb faszinierende Form entfalten wird. Gebannte Stille im Publikum. Es ist, als würden siebenhundert Premierenbesucher hundert Minuten lang den Atem anhalten. [...] Constanze Becker und Felix Rech gelingen überwältigende Schlussmomente eines großen Theaterabends.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Triumph der Rhetorik. [...] Die szenischen, gestischen Überzeugungsversuche sind bei Thalheimer minimal, es herrscht die Rhetorik. Der Regisseur hat das Stück, das zu einem großen Teil von Botenberichten lebt, entschieden als Sache der Überzeugungskraft verstanden: Hier sind alle Wesen Boten ihrer selbst. [...] Überzeugend in Frankfurt: Constanze Becker (Penthesilea) und Felix Rech (Achill) liegen einander ebenbürtig an den Kehlen. [...] Das Inbild eines Paares: unrettbar und aufgehoben für alle Zeiten.
DIE ZEIT
Höhe, Wucht und Einfachheit: In der Sprechweise von Constanze Becker liegt das Wunder von Michael Thalheimers Inszenierung. [...] Die überwältigende Constanze Becker setzt ihre Worte mehr in den Raum, als dass sie sie prosodisch formen würde. Worte bekommen bei ihr Materialität. Sie kann sie einfärben, scharf, imaginativ, entsetzt, zart, hochmütig, überlegen, lässig bis zur Nachlässigkeit. [...] Michael Thalheimer und Constanze Becker erreichen eine Höhe, Wucht und Einfachheit, die im Theater selten ist.
Neue Zürcher Zeitung
Der unerträglichen Tragik, die den Figuren innewohnt, entkommen die Schauspieler, in dem sie die Perspektive wechseln, mal in der ersten und mal in der dritten Person sprechen, mal als sie selbst, mal aus anderer Perspektive. Dieser Abend ist Texttheater und Schauspielertheater pur. Er ist eine konzentrierte Wohltat. [...] Es ist ein klassischer Theaterabend. Man möchte wieder hinein gehen, um noch mehr von diesem antiquierten, wunderschönen Text zu verstehen und zu sehen, wie er sich einschreibt in die Münder und Körper dieser hingebungsvollen Schauspieler.
Nachtkritik
Einmal mehr erweist sich Thalheimer als begnadeter Tragödien-Flüsterer. Die Sprache gewordenen Gewaltorgien Kleists übersetzt er in zeitlos archaische Bilder und Bühnenmomente und kann dabei auf seine bewährte Crew sowie Hauptdarstellerin Constanze Becker vertrauen, die bei ihm schon als Klytaimnestra, Antigone und Medea brillierte. [...] Die Amazonenkönigin als übermächtige Egomanin. In der Gestalt von Constanze Becker scheint sie nur aus Stimme und Körper zu bestehen.
taz
Bewegendes Kleist-Gefühlsmassaker. [...] Thalheimers Verdichtung geht so faszinierend auf, weil sich drei überragende Schauspieler durch diese Gefühlsgewitter katapultieren und dabei den treibenden Rhythmus der Kleist-Verse nicht nur virtuos beherrschen, sondern in jedem Augenblick das Geschehen als reale, schreckliche Erfahrung beglaubigen und es nie nötig haben, feierlich zu tönen oder sich aufzublähen.
Süddeutsche Zeitung
Constanze Becker ist eine große Penthesilea aus sich selbst heraus, und gewaltig lang sind ihre Arme, mit denen sie nachher Achills Kopf umschlingt, einzwängt, und manchmal schreit sie stumm oder japst leise. Ihrer Penthesilea passiert das nicht, weil sie hysterisch ist, sondern weil die Situation sie zu unerwartet trifft. Ein Mensch, der nicht mehr beizeiten zurücktreten und überlegen konnte. Rech, mit dem Modellkörper einer antiken Statue, zeigt ganz zart, wie ein Mann die Lage falsch einschätzt.
Frankfurter Rundschau
Es ist beklemmend und anrührend zu sehen, wie sich Constanze Becker als Penthesilea immer wieder dazu zwingt, in der Spur zu bleiben. [...] Es ist ein besonderer Kunstgriff der Regie, dass auch ihr Text in dieser Aufführung verwoben ist mit den Stimmen der fordernden Amazonen, die in ihrem Kopf wispern und tuscheln: So macht Thalheimer ganz ohne besserwisserische Erklärungsversuche deutlich, wie perfekt und perfide radikale ideologische Systeme das Individuum steuern und selbst gegen die eigenen Gefühle und Bedürfnisse immunisieren. Josefin Platt als Oberpriesterin und ideologische Repräsentantin des Staates verkörpert diesen Druck, konspirativ und wohlwollend, tückisch und loyal zugleich.
Deutschlandfunk

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Schauspielhaus

Premiere 4. Dezember 2015

1 Stunde 45 Min., keine Pause
Regie
Michael Thalheimer

Bühne
Olaf Altmann

Kostüme
Nehle Balkhausen

Musik
Bert Wrede

Dramaturgie
Sibylle Baschung

Besetzung
Constanze Becker (Penthesilea)
Felix Rech (Achilles)
Josefin Platt (Frau)