Spielzeit
Schwerpunkt

Der inhaltliche Schwerpunkt der Spielzeit 2020/21 am Schauspiel Frankfurt lautet »Antisemitismus«. Das ist eine Setzung, die vielleicht Fragen aufwirft. Die Fokussierung eines Theaters auf ein im engeren Sinne gesellschaftliches und politisches Thema dieser Art ist zwar nicht beispiellos, aber sie ist gewiss ungewöhnlich. Künstlerische Theaterleitungen – auch am Schauspiel Frankfurt – formulieren ihre Spielzeitthemen üblicherweise offener und rücken dabei philosophische, literarische, sozial- oder kulturgeschichtliche Fragestellungen ins Zentrum. Das hat gute Gründe: In dem weiten semantischen Feld, das auf diese Weise entsteht, positionieren sich die einzelnen künstlerischen Arbeiten und begleitenden Veranstaltungen einer Spielzeit mit jeweils eigenen inhaltlichen Konkretionen und stehen so immer in erster Linie für sich; die Arbeit (oder das Privileg) der Assoziation verbleibt beim Publikum. Kunst, so könnte man verknappt behaupten, braucht den weiten Raum. Warum also nun eine derartige Engführung? Warum »Antisemitismus« als Thema einer ganzen Spielzeit?

Schon der Begriff des »Antisemitismus« ist problematisch, denn er wurde im 19. Jahrhundert von Antisemit_innen geprägt und täuscht durch das Suffix -ismus eine Zugehörigkeit zu den Ideologien der Moderne vor. Das, was wir mit dem Wort bezeichnen, hat dagegen eine jahrtausendealte Geschichte: nämlich die Ausgrenzung, Verfolgung, Unterdrückung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden. Judenhass ist eine Hydra, die immer wieder neue Köpfe gebiert. Er findet sich auf allen Graden des politischen Spektrums von Rechts bis Links und in der Mitte, unter Anti- und Prozionist_innen, bei Klugen und Dummen, in der Öffentlichkeit und im Verborgenen, bei Muslim_innen, Christ_innen und ja, sogar bei Jüdinnen und Juden. Antisemitismus ist ein Gerücht, ein Vorurteil, ein Gefühl, ein Reflex, ein System, ein politisches Mittel, ein Symptom, vieles mehr. Und er ist wieder auf dem Vormarsch. Weltweit, in ganz Europa, auch in Deutschland, auch in Frankfurt.

Es gebe, so ließe sich einwenden, doch drängendere Probleme. Judenhass sei schlimm, aber nur eine Variante des Rassismus, ein Nebenwiderspruch, ohnehin ein Gespenst der Vergangenheit. Nichts davon ist der Fall. Als gruppenbezogene Form der Diskriminierung teilt der Antisemitismus zwar viele seiner Merkmale mit anderen Formen der Ausgrenzung und Verfolgung; das bedeutet aber nicht, dass er mit ihnen identisch ist. Deutlich wird dies unter anderem in dem Artikel »Antisemitismus denken« von Doron Rabinovici und Natan Sznaider sowie in Monika Schwarz-Friesels Essay »Antisemitismus: Das kulturhistorische Chamäleon«, die für unser Spielzeitheft entstanden sind. Auch vergangen ist er sicher nicht, das belegen alle Beobachtungen der letzten Jahre. Vor allem aber ist er keine Nebensache. In welcher Form eine Gesellschaft mit Judenhass umgeht, das ist, wie Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, es auf den Punkt brachte, Ausdruck für den Grad ihrer Zivilität. Antisemitismus bedroht alle, die in einer offenen, demokratischen und gerechten Gesellschaft leben wollen. Und damit alle, für die wir Theater machen.

Indem wir also vor diesem Hintergrund Antisemitismus für die Dauer einer Spielzeit zum Schwerpunktthema unseres Theaters machen, stellen wir uns aktiv und streitbar einer wachsenden Gefahr entgegen, die uns alle betrifft. Wir tun dies nicht alleine, sondern in einer Allianz mit anderen Kulturinstitutionen und Gruppen in der Stadt, die sich dem Thema Antisemitismus in verschiedener Weise widmen bzw. von ihm betroffen sind. Mit der Bildungsstätte Anne Frank, dem Jüdischen Museum, dem Fritz Bauer Institut und der aktiven Jüdischen Gemeinde besteht in Frankfurt eine deutschlandweit beinahe einzigartige Kompetenzdichte zum Thema, ohne deren Hilfe wir unser Vorhaben kaum hätten realisieren können. Um die inhaltliche Gestaltung der Spielzeit in Partnerschaft mit diesen Institutionen zu ermöglichen, haben wir im April 2019 eine Art Beirat von Expert_innen gegründet, die in vielfältiger Form bei Artikulation, Auswahl und Strukturierung der Spielzeitelemente mitgewirkt haben.

Die Hoffnung besteht auch, dass der »weite Raum« der Kunst durch diese Setzung nicht beschnitten, sondern im Gegenteil um eine konkrete politische Dimension erweitert wird. Knapp die Hälfte der Neuproduktionen in der vor uns liegenden Saison wird sich unmittelbar auf das Spielzeitthema beziehen. Die Vielfalt der künstlerischen Handschriften am Schauspiel Frankfurt wird dabei von den Arbeiten namhafter Regisseur_innen bereichert, die zum ersten Mal in Frankfurt inszenieren. In den nächsten zehn Monaten werden wir außerdem in einer »Schwerpunkt-Programm« genannten Reihe von Veranstaltungen und Formaten einige unterschiedliche Aspekte des Phänomens Antisemitismus diskursiv und im Austausch mit Expert_innen beleuchten. Dabei entsteht, so unser Anliegen, ein polyperspektiver Raum von Narrativen, Sichtweisen, ästhetischen Erfahrungen und Annäherungen, in dem wir besser begreifen können, was Antisemitismus ist, wie er wirkt und was wir ihm gemeinsam entgegensetzen können.

Katja Herlemann, Alexander Leiffheidt, Lukas Schmelmer, Katrin Spira, Julia Weinreich

Dramaturgie

ALLE VERANSTALTUNGEN AUF EINEN BLICK:
Vortrag und Gespräch
Mit Robert Menasse
Moderation: Mirjam Wenzel
04. Oktober 2020
Schauspielhaus
Im Rahmen der Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur
Vorträge und Gespräche
Mit Max Czollek, Nuran David Calis, Olivia Wenzel u.v.m.
24. Oktober 2020
Schauspielhaus & Naxoshalle
Michel Friedman im Gespräch
mit Ferdos Forudastan
24. Januar 2021
Schauspielhaus
Vortrag und Tischgespräche
mit Yael Kupferberg u.a.
21. März 2021
Chagallsaal
Symposium nach »Der Müll, die Stadt
und der Tod«
24./25. April 2021
Kammerspiele & andere Orte
Konferenz und Konzert
30. Mai 2021
Chagallsaal & Schauspielhaus
FLYER ZUM THEMEN-SCHWERPUNKT 2020/21
Alle Termine und Informationen zu den Veranstaltungen unseres Themenschwerpunkts finden Sie im Flyer unter dem untenstehenden Download-Link.
Antisemitismus ist ein Angriff auf Jüdinnen und Juden, aber auch ein Angriff auf die Werte der Demokratischen Gesellschaft.
Meron Mendel, Bildungsstätte Anne Frank
PODCAST ZU DEN VERANSTALTUNGEN
Der Spielplan der Saison 2020/21 ist ein Plädoyer für ein gesellschaftliches Miteinander und zugleich ein Statement gegen Antisemitismus und Rassismus. Denn in einer Zeit, in der hasserfüllte Angriffe auf eine plurale Gesellschaft immer stärker werden, braucht es kraftvolle, solidarische Gegenpositionen. Programmatisch bildet sich das Thema in einer Vielzahl von Inszenierungen und einem facettenreichen Schwerpunktprogramm ab. Jede Folge dieses Podcasts featured eine von sechs Veranstaltungen des Schwerpunktprogramms, die vom 04.Oktober 2020 bis zum 30. Mai 2021 am Schauspiel Frankfurt stattfinden.
Folge 1

Wo beginnt die Angst?