Foto: Birgit Hupfeld

Der neue Kontinent wird aus Ruinen entstehen

Homers »Odyssee« ist der Inbegriff eines Menschen auf der Suche nach seiner Heimat: jahrelang irrt Odysseus auf dem Meer herum, heimwärts gerichtet, ohne zu wissen, wo der Weg dorthin ist. Wo immer er ankommt, ist er ein Fremder, mal freundlich aufgenommen, mal gefährdet und verscheucht. Sascha Hargesheimer überträgt die Motive des Zuflucht- und Heimatsuchenden in einen heutigen Kontext. Er skizziert eine Gesellschaft, die überfordert ist mit sich selbst, die jeden Halt zu verlieren droht. Was bei Homer das Meer ist, ist bei Hargesheimer das Leben selbst, in dem die Menschen einander irrlichternd an modernen Nicht-Orten begegnen: Flughäfen, Züge, Straßen, Krankenhäuser. Hier ist keine Heimat zu finden, aber umso mehr gilt es einen letzten Rest von Territorium zu verteidigen, Grenzen zu ziehen. Aus der sehnsüchtigen Reise zu sich selbst ist ein lähmender Stillstand geworden, die fehlende Hoffnung gräbt sich ein in eine Abwehr gegen alles, was von außen eindringen könnte.  

Eine Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Eine Produktion von REGIEstudio und AUTORENstudio

Das REGIEstudio wird ermöglicht durch

Das AUTORENstudio wird ermöglicht durch die
Pressestimmen
Es ist dies ganz entschieden ein Abend der Schauspieler. [...] Der konturensicheren Regiehand von Katrin Plöttner gelingt es, die durchweg großartigen Schauspieler mit einem zwar pointierenden, im Ganzen aber nicht albernen Spiel ohne Aplomb in Szene zu setzen.
Frankfurter Rundschau
Regisseurin Katrin Plötner setzt sorgfältig ein Prinzip um, das Autor Sascha Hargesheimer schon in seinem Text angelegt hat, der keinen einzigen Absatz einer festen Figur vorschreibt. Damit steht formal zur Disposition, worum es hier thematisch geht: Identitäten. Grenz-Ziehungen. Die Regie hat klare Entscheidungen getroffen, welche Figur welche Geschichte erlebt, wie sich Episoden entwickeln und wie sie zu roten Fäden für kleine Biografie-Miniaturen führen. [...] Dabei entsteht die melancholische Leichtigkeit eines Episodenhaften, das der Text bereits angelegt hat. Ein netter, leichter Abend ist entstanden. Mit einem untergründigen, alptraumhaften Grollen.
Deutschlandradio Kultur
Immer wieder schafft die sehr schöne Musik von Markus Steinkellner kleine Atempausen im dichten Text, der höchste Konzentration fordert. Mit lautem Getöse beginnt der Abend – eine Betriebspanne. Betriebsame Menschen sind einer Zwangspause ausgesetzt. Und schon beginnt ihr Gedankenrasen. [...] Gedankengetöse im modernen Menschen in einer rasenden Welt auf einer Irrfahrt ins Nichts. Ernst werden hier tiefste Zweifel und Ratlosigkeiten ausformuliert. Behutsam kombiniert die Regisseurin frontales Sprechen und kleine Spielszenen. [...] Die fünf Darsteller untermalen das mit einem heiteren, zurückgenommenen und niemals ironischen Spiel.
Deutschlandfunk
Famos gespielt. Von Justus Pfankuch, blutjung; Verena Bukal, schroff verletzlich; Matthias Scheuring, bärbeißig; Heidi Ecks, grandios; Carina Zichner, umwerfend.
Bild
Katrin Plötners Inszenierung folgt Hargesheimers Erzählung genau. Die Mischung aus anonymem Erzähler-Ich, identifizierbarem Figuren-Ich und gelegentlichen Dialogfetzen wird getreulich reproduziert. [...] Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sprechen ohne feste Figurenzuteilung, mimen aber immer auch Reaktionen, imitieren Aktionen, kommentieren gestisch das Gesagte. Dieses semimimetische Spiel bewirkt einen heiteren, distanzierenden, leichtsinnigen Unernst, der angenehm mit der trostlosen, tiefsinnierenden Gegenwartsanalyse des Textes kontrastiert, ohne sie preiszugeben für Amüsement.
Nachtkritik
Eine Unmenge Worte, gesprochen in rapidem Tempo: Merkmale des Ensembletheaters. Die Regie legt es indes nicht auf eine Revue der Effekte an, gescheit nimmt sie das Tempo zurück. Die allesamt brillante Schauspieler vermögen aus dem Stück eine Steilvorlage zu ziehen.       
Offenbach-Post
»Die europäische Wildnis. Eine Odyssee« nennt Sascha Hargesheimer seinen Text, uraufgeführt als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt. Seine »Odyssee«, die Homers Motiv der Heimatsuche variiert, ist vielstimmige Gedankenprosa. Im kühlen Bild eines Flughafen-Terminals lösen Regisseurin Katrin Plötner und Dramaturgin Henrieke Beuthner den erratischen Textblock grandios in »Sprechparts« für fünf exzellente Darsteller auf.
Der Westen
Regisseurin Katrin Plötner bringt die Geschichte sehr stimmig mit den Mitteln des Stegreif- und Improvisationstheaters auf die Bühne: Jeder Akteur verkörpert mehrere Figuren und ist zugleich Spieler und Erzähler. Hargesheimers brillante Wortkulissen sorgen dafür, dass die nackte Szenerie in den Köpfen der Zuschauer reich bebildert wird.[...] Das Schauspiel Frankfurt bringt den nicht eben leichten Stoff in einer packenden Inszenierung kurzweilig auf die Bühne. In einem stimmigen Ensemble fasziniert besonders das Spiel dreier starker Frauen: Verena Bukal (anrührend flatterhaft und verhuscht), Carina Zichner (ebenso tough wie verletzlich) und Heidi Ecks (als ältere Dame großartig zwischen altersweiser Melancholie und Resignation pendelnd). Eine echte Entdeckung ist der Autor der Uraufführung: Sascha Hargesheimers Text besitzt große literarische Qualität. Der Mittdreißiger ist eine Hochbegabung. Er versteht es, in seinen Texten analytische Schärfe mit philosophischer und poetischer Tiefe zu verbinden.
Recklinghäuser Zeitung

Bildergalerie

Audio

Kammerspiele

Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 11. Mai 2016
Frankfurter Premiere 25. Mai 2016

1 Stunde 30 Min., keine Pause
Regie
Katrin Plötner

Bühne
Daniel Wollenzin

Kostüme
Lili Wanner

Musik
Markus Steinkellner

Dramaturgie
Henrieke Beuthner

Besetzung
Verena Bukal, Heidi Ecks, Carina Zichner, Justus Pfankuch, Mitglieder im SCHAUSPIELstudio, Matthias Scheuring