Unsere Demokratie beruht auf den zentralen Werten von Freiheit und Gleichheit, die seit den fünfziger Jahren verbunden waren mit der Idee der Chancengleichheit. Jeder sollte die Möglichkeit bekommen, in der Gesellschaft aufzusteigen und den Beruf wählen zu können, der seinem Interesse entsprach und eine angemessene Bezahlung versprach. Davon sind wir heute weit entfernt, da ein Drittel der Arbeitsverhältnisse prekär ist, da gerade in kreativen oder künstlerischen Berufen das Gehalt kaum ausreicht und unser Bildungssystem ausgrenzt, statt auch die Entwicklung der sozial Schwachen zu fördern. So befinden wir uns, meint der Wirtschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey, auf einer Rolltreppe, die nicht mehr nach oben führt, sondern nur noch nach unten: in die sogenannte Abstiegsgesellschaft. Nachtweys kritische Analyse wird in seinem Impulsvortrag dargelegt und anschließend mit den Zuschauern in Tischrunden diskutiert, um am Ende in einer großen gemeinsamen Abschlussrunde den Gast mit den wichtigsten Fragen noch einmal zu konfrontieren.

Oliver Nachtwey

ist Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler, Globalisierungskritiker und Soziologe. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Arbeit, Ungleichheit, Protest und Demokratie. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen sowie Online-Portale. Seit 2014 ist Nachtwey als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeit und Organisation der TU Darmstadt tätig. 2015/16 hatte er eine weitere Professur für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Im August 2017 trat er seine Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel an. Seit März 2017 ist Oliver Nachtwey Träger des Preises für Wirtschaftspublizistik »Wirtschaft.Weiter.Denken« 2016, den er für sein Buch »Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne« erhielt.

Hintergrund

In unserem Zusammenleben pochen wir auf unsere freiheitliche Gesellschaft, die auf unserer Verfassung beruht. Deren Grundsteine wurden 1848 in der Paulskirche in Frankfurt gelegt. Das, was den Boden unseres gemeinsamen Zusammenlebens stiftet, verbunden mit einer Form der politischen Correctness, die wir uns durch die leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts erarbeitet haben, droht sich mehr und mehr zugunsten eines Populismus aufzulösen. Das hohe Gut der Freiheit, das unsere Verfassung garantieren möchte, empfinden plötzlich viele als zu frei, wenn es darum geht, dass verschiedene nationale Herkünfte, Religionen, sexuelle Ausrichtungen, kulturelle Lebensformen uns spalten: In die Reichen und Armen, in die Gläubigen und Ungläubigen, in die Wutbürger und Gutmenschen, in die sogenannten Deutschen und die vermeintlich Fremden, in die sexuell freizügig anmutenden und die verschleierten Frauen ... Die Reihe dieser Spaltungen ließe sich fortsetzen. Wir alle berufen unsder Redner beantworten soll. So entsteht auf das gleiche Recht und wollen mit diesem Recht unsere doch ganz unterschiedlichen Werte behaupten.

Das, was Demokratie einmal war, die Vielheit in der Einheit, scheinen wir dabei zu vergessen. Plötzlich besteht unsere Gesellschaft aus lauter Zuschreibungen zwischen WIR und IHR. Wir, das sind die Einen – Ihr, das sind die Anderen. Dabei ist die Kultur des gemeinsamen Debattierens verloren gegangen. Wenn nicht mehr wirklich analysiert wird, in welcher Gegenwart wir uns befinden, woher plötzlich Gewalt und Wut in unserer Gesellschaft herrühren, wenn wir nicht wirklich die Ursprünge der bestehenden Unzufriedenheit genauer erforschen, dann wird aus der Beurteilung und Bewertung des anderen rasch ein Aburteilen. Wohin Slogans statt Debatten, Vorurteile statt Vertrauen führen, das lehrt uns die eigene Vergangenheit. Daher sind wir alle gefragt, für die politische Kultur unseres Landes Verantwortung zu tragen
Gefördert von der Crespo Foundation.
Chagallsaal

22. April