Die Frage, was das Deutsche ausmache, ist eine der lautesten aktuellen Debatten. Zwischen der Suche nach deutscher Identität und Postulaten eines neuen (alten?) Heimatbegriffs bringen sich die Kontrahenten in Stellung. Ihre Rhetorik definiert sich dabei überwiegend über die Abwehr des Fremden. Jagoda Marinić  sieht diese Diskussion kritisch und nennt z.B. das neugeschaffene Heimatministerium ein »Ministerium für kulturelle Selbstverteidigung«. Wer dominiert die Diskurse in einem Land, in dem 16 Millionen Menschen leben, die einen Migrationshintergrund haben? Jagoda Marinić ,1977 in Waiblingen geboren, ist Politikwissenschaftlerin, Theatermacherin und mehrfach ausgezeichnete Autorin. Seit 2012 leitet sie das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg, das sich der Förderung von Integration und kultureller Teilhabe verpflichtet hat. Eine ihrer Thesen: »Made in Germany« muss neu erfunden werden. Nach Jagoda Marinić Impulsvortrag hat das Publikum Gelegenheit in kleinen Tischrunden ihre Thesen zu diskutieren und Rückfragen an die Autorin zu formulieren.

Jagoda Marinić

ist eine deutsch-kroatische Autorin und Kolumnistin. Für den Erzählband »Russische Bücher« (2005) erhielt sie den Grimmelshausen- Förderpreis. Ihr Roman »Die Namenlose« war für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert und wurde vom Magazin »Der Spiegel« zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres 2007 gezählt. Zuletzt erschien von ihr »Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?«. Derzeit lebt und arbeitet Jagoda Marinić in Heidelberg. Dort gründete sie 2012 das Interkulturelle Zentrum und das International Welcome Center, intitiiert Integrationsprojekte und findet Formate für Diversitythemen. Bundesweit ist sie als Rednerin und Publizistin u.a. zu den Themen Integration, Willkommenskultur, Diversity und Interkultur gefragt.

Hintergrund

In unserem Zusammenleben pochen wir auf unsere freiheitliche Gesellschaft, die auf unserer Verfassung beruht. Deren Grundsteine wurden 1848 in der Paulskirche in Frankfurt gelegt. Das, was den Boden unseres gemeinsamen Zusammenlebens stiftet, verbunden mit einer Form der politischen Correctness, die wir uns durch die leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts erarbeitet haben, droht sich mehr und mehr zugunsten eines Populismus aufzulösen. Das hohe Gut der Freiheit, das unsere Verfassung garantieren möchte, empfinden plötzlich viele als zu frei, wenn es darum geht, dass verschiedene nationale Herkünfte, Religionen, sexuelle Ausrichtungen, kulturelle Lebensformen uns spalten: In die Reichen und Armen, in die Gläubigen und Ungläubigen, in die Wutbürger und Gutmenschen, in die sogenannten Deutschen und die vermeintlich Fremden, in die sexuell freizügig anmutenden und die verschleierten Frauen ... Die Reihe dieser Spaltungen ließe sich fortsetzen. Wir alle berufen uns auf das gleiche Rechtund wollen mit diesem Recht unsere doch ganz unterschiedlichen Werte behaupten.

Das, was Demokratie einmal war, die Vielheit in der Einheit, scheinen wir dabei zu vergessen. Plötzlich besteht unsere Gesellschaft aus lauter Zuschreibungen zwischen WIR und IHR. Wir, das sind die Einen – Ihr, das sind die Anderen. Dabei ist die Kultur des gemeinsamen Debattierens verloren gegangen. Wenn nicht mehr wirklich analysiert wird, in welcher Gegenwart wir uns befinden, woher plötzlich Gewalt und Wut in unserer Gesellschaft herrühren, wenn wir nicht wirklich die Ursprünge der bestehenden Unzufriedenheit genauer erforschen, dann wird aus der Beurteilung und Bewertung des anderen rasch ein Aburteilen. Wohin Slogans statt Debatten, Vorurteile statt Vertrauen führen, das lehrt uns die eigene Vergangenheit. Daher sind wir alle gefragt, für die politische Kultur unseres Landes Verantwortung zu tragen


22. Mai 2018