Liebes Publikum

Das Schauspiel Frankfurt hat mit dieser Spielzeit ein neues Ensemble und eine neue künstlerische
Leitung. Viele der Schauspieler und Mitarbeiter sind für die gemeinsame Arbeit nach Frankfurt gezogen, um hier ihre neue Heimat zu finden. Für uns als Neu-Frankfurter sind die Sprachen, in der das Wort »Wir« auf der Titelseite des Spielzeitmagazins steht, ein Verweis auf die 178 Nationen, die hier leben und damit auf die besondere Vielfältigkeit dieser Stadt. Wir sind gespannt auf die Begegnungen vor Ort: auf das Wir, das wir selber als neues Ensemble schaffen ebenso wie das Wir, das wir mit Ihnen als Zuschauer und Begleiter unserer Arbeit erleben und auf die Stadt, die wir entdecken. Der Fotograf Daniel Stier hat für uns seine ersten Eindrücke festgehalten: Diese Bilder zeigen auf faszinierende Weise Lebens- und Arbeitswelten in Frankfurt.

»Wie wollen wir leben?« war das künstlerische Konzept überschrieben, das ich zusammen mit Marion Tiedtke im Juni 2015 vorgestellt habe. In der Zeit unserer Vorbereitung haben wir uns schon früh die Frage gestellt, was das Herz dieser Stadt ausmacht. Bei allen Gegensätzen, die hier aufeinanderprallen, ist das schwer zu sagen. Doch angesichts des zunehmenden Populismus und seiner Auswirkungen hat für uns Frankfurt eine besondere historische Bedeutung: Hier wurden 1848 die Grundlagen unserer Verfassung gelegt. Die Paulskirche zeugt davon, und gerade heute gilt es, sich mit den Grundlagen unseres Zusammenlebens zu beschäftigen. So ist das Wir auf der Titelseite des Spielzeitheftes für uns zugleich ein künstlerisches Programm: Wir möchten uns mit den Rechten, Regeln und Werten unseres Zusammenlebens auseinandersetzen. Dabei geht es nicht bloß um die Verfassung oder unsere Verfasstheit, sondern zunächst einmal um die Regeln und Werte, die unser alltägliches Leben bestimmen. Grundsätze und Werte haben wir alle, aber welche? Einige Schauspielerinnen und Schauspieler unseres Ensembles formulieren auf ganz persönliche Weise in dem Spielzeitheft ihre Lebensregel - vielleicht erkennen Sie sich in dem einen oder anderen Zitat wieder.

Diese großen Themen um das Wir werden uns künstlerisch länger als eine Spielzeit beschäftigen. Unter den Stichworten Partizipation und Integration starten wir ein dreijähriges Jugendprojekt: »All Our Futures« gibt 220 Jugendlichen aus drei Stadtteilen die Möglichkeit, Modelle des Zusammenlebens zu befragen und zu entwerfen. Hier sollen junge Menschen an die aktive Teilnahme und Gestaltung dieser Gesellschaft sowie an das Theater herangeführt werden.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Vernetzung mit Partnern in dieser Stadt: Wir beginnen mit der Oper, dem Künstlerhaus Mousonturm, dem Literaturhaus und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst eine enge Zusammenarbeit, die wir Ihnen in unseren Magazinbeiträgen vorstellen. Für das Schauspiel in dieser internationalen Stadt haben wir auch vier besondere Regisseure eingeladen: Viktor Bodó aus Ungarn, Daria Bukvic´ aus Holland, Miloš Lolic´ aus Serbien und in Zusammenarbeit mit dem Mousonturm Tim Etchells aus England. Außerdem schreiben viele Autorinnen und Autoren zum ersten Mal für das Schauspiel Frankfurt: Olga Grjasnowa, Wilhelm Genazino, Laura Naumann, Marius von Mayenburg, Péter Kárpáti und Teresa Präauer.

Wir beginnen mit einem großen Theaterfest und öffnen zusammen mit der Oper für einen ganzen Tag das Haus: Am 17. September laden wir Sie herzlich ein, das neue Ensemble und die Abteilungen des Hauses in einem umfangreichen und vielfältigen Programm kennenzulernen.

Ich bin gespannt auf all diese neuen Begegnungen, die vor uns liegen und hoffe, Sie sind es auch. Im Namen all meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleibt mir nur noch eines zu sagen:

Willkommen zur neuen Spielzeit

Ihr Anselm Weber
Intendant und Geschäftsführer