Foto: Birgit Hupfeld

UND GOTT SPRACH: »LASSET TÜREN SEIN, DIE AUFGEHEN, WENN SIE AUFGEHEN, UND ZUGEHEN, WENN SIE ZUGEHEN.«

»Von hinten war es komischer als von vorne«, sagt Michael Frayn, als er von der Seitenbühne die Aufführung eines seiner Stücke sieht. Inspiriert von diesem Erlebnis schreibt er die Komödie »Der nackte Wahnsinn«.

Es ist kurz nach Mitternacht, die Generalprobe von »Nackte Tatsachen« läuft. Die Nerven liegen blank. Texthänger, Türenklemmen, Requisitenchaos, verlorene Kontaktlinsen, volltrunkene Schauspieler – Regisseur Lloyd Dallas und seine Darsteller sind verzweifelt. Das Stück »Nackte Tatsachen« tritt schnell in den Hintergrund und macht den eigentlichen Entblößungen Platz: Kulissengetuschel, Liebesverwirrungen, Verwaltungshorror und Befindlichkeiten bestimmen die Szenerie, die dann zum wilden Ende vollends in privaten Katastrophen versinkt. Was für die Beteiligten ein Albtraum ist, wird für den Zuschauer zum durchgedrehten, turbulenten Komödienchaos. Mehr als den ersten Akt des Lustspiels wird das Publikum allerdings nie zu sehen bekommen. Diesen aber in mehrfacher Ausführung. An die chaotische Probe schließt eine der ersten Vorstellungen an, die bereits Symptome des Verfalls zeigt, und schließlich wird die völlig desolate Aufführung zum überfälligen Ende der Tournee gezeigt. Theater ist der nackte Wahnsinn.

Oliver Reese, Intendant des Schauspiel Frankfurt, wird nach seiner Auseinandersetzung mit »Phädra« den Genrewechsel vollziehen und den Blick hinter die Kulissen inszenieren.
Pressestimmen
Intendant Reese folgt Frayn in der anarchischen Aufbereitung eines Systems, das dem Zustand der größtmöglichen Unordnung entgegensteuert. (...) So haben wir es mit lauter brillanten Schauspielern wie Joachim Nimtz und Anita Vulesica zu tun, die mit Bravour Kollegen spielen, die total aus ihren Rollen fallen und den ersten Akt doch jeweils zu einem Schluss bringen. Natürlich geht es doch nicht nur um den Boulevard, sondern um das Theater überhaupt. Also um das Leben. Und seine Tendenz, sich in geschlossenen Anstalten zu verschanzen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Nur hinter der Bühne geht es noch wahnsinniger zu als auf der Bühne, lautet die Devise. Der regieführende Intendant Oliver Reese zieht das konsequent durch. Seine Schauspieler lässt er auf Sardinen ausrutschen, in Eimer treten, die Treppe herunterfallen (spektakulär: Christoph Pütthoff), ohne Hosen dastehen, im Parkett Kopfstand machen, mit dem Po wackeln (auf hohem Niveau auch in dieser Situation: Sandra Gerling). (…) Der Intendant lässt es krachen.
Frankfurter Rundschau
Reeses Ensemble arbeitet hart an der Herstellung zweier Darstellungsebenen. Comicfiguren in Notlagen wie diesen sind immer von einem Kranz dicker Schweißtropfen umgeben, und Reeses Darsteller spielen die fliegenden Schweißtropfen sozusagen mit. (...) Die Frankfurter Spieler (und die Figuren, die sie darstellen) verausgaben sich in einem wahren Pallenberg-Festspiel: beim Versuch, Kunst und Leben in Harmonie zu bringen, zermürben sich beide gegenseitig. Alle Spieler verwandeln sich in Marionetten der Lüge, man camoufliert die Pannen und Katastrophen und produziert immer neue, und die Schauspielerin Anita Vulesica macht aus ihrem Spiel einen Veitstanz der Vertuschung. Indem sie spielt, verdeckt sie die Risse im Bühnenbild, indem sie tanzt, lenkt sie ab von den Wunden ihrer gestrauchelten Mitspieler. Ein Leben in Zuckungen; diese Spielerin bewegt sich, als wolle sie verbergen, was reisengroß hinter ihr aufragt: den Wahnsinn des Theaters.
Die Zeit
Auch seriöse Schauspieler eines hochklassigen Ensembles lieben es, von Zeit zu Zeit mit Haut und Haar in alberne Komödien einzutauchen. Sie tun es mit ansteckender Spielfreude. Herausgehoben seien Platts delirierende Erschöpfung, Pütthoffs rasende Slapstick-Eifersucht, Nimtz’ hartfelliges Ausleben seines schwerhörigen Alkoholismus und Hubers schneidende Bissigkeit als Flohzirkusdirektor nur beispielhaft. (…) Von allen Interpretationen bestach vielleicht jene Sandra Gerlings am meisten, die ihr junges blondes Dummchen Vicki in keiner Weise zu retten versucht und ihm dennoch viel vom Marilyn-Monroe-Drama der hochbegabten, notorisch unterschätzten Schönen lieh.
Frankfurter Neue Presse
Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, was das Stück zum Gelingen benötigt: Herausragende Schauspieler. Das Frankfurter Ensemble geht schmierenkomödiantisch in die Vollen und wahrt gleichzeitig zartbittere ironische Distanz zu dieser besonderen Art der Schauspielkunst. (…) Reese kann sich auf sein Ensemble verlassen. Sandra Gerling etwa kiekst als halbnacktes Baby Doll (Kostüme: Elina Schnizler) umwerfend blöde durch die Szenen, Josefin Platt gibt die schusselige Alte mit grandiosen Texthängern, und Joachim Nimtz mimt den notorischen Säufer der Truppe. Alle verkörpern sie Typen, die sich so oder so ähnlich wohl in jedem Theaterensemble finden lassen. In Frankfurt werden daraus liebenswerte Karikaturen in einer halsbrecherischen Satire auf und unverschämten Liebeserklärung an alle Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungskomödien dieser Welt.
Wiesbadener Kurier
Nach drei, zum Brüllen komische Stunden sprangen einige (Zuschauer) spontan von ihren Sitzen auf, um das turbulente Spiel mit frenetischen Bravorufen zu goutieren. (…) Das alles beherrscht die prächtig aufeinander abgestimmte Mannschaft, die mächtig auf die Tube drücken darf, mit Bravour. Gnadenlos auf Anschluss getrimmt, gibt's hier ein Verwechslungsspiel um Kartons und Taschen, das in seiner abstrusen Sinnlosigkeit seinesgleichen sucht. Frayn parodiert in herrlicher Weise den Theaterbetrieb, und Reese gibt dem Affen ordentlich Zucker. (…) Die Konfusion ist perfekt, das Amüsement auch.
Giessener Allgemeine
Hier wird lustvoll mit dem Genre gespielt. (…) Dieser Abend ist so geistreich und amüsant, so spritzig und geschmeidig, wie es das wahrhaftige Boulevardtheater fast nie zuwege bringt. Einen Jux wollten sie sich machen in Frankfurt, und er ist ihnen in einer grandiosen Weise gelungen.
Offenbach Post
Ein Stück vor und hinter den Kulissen. Theater übers Theater. Irre witzig. (…) Die Schauspieler sind, wie gewohnt, alle fantastisch. Begeisterung.
Bild Frankfurt
Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels ist vor allem eins: mutig inszeniertes und brillant gespieltes Theater.
Main Echo

Bildergalerie

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Schauspielhaus

Premiere
11.02.2011

3 Std, eine Pause
Regie
Oliver Reese

Bühne
Hansjörg Hartung

Kostüme
Elina Schnizler

Choreografie
Peter Theiss

Dramaturgie
Nora Khuon

Besetzung
Josefin Platt (Mrs Clackett)
Christoph Pütthoff (Roger Tramplemain)
Sandra Gerling (Vicky)
Till Weinheimer (Philip Brent / Scheich)
Anita Vulesica (Flavia Brent)
Peter Schröder (Einbrecher)
Nico Holonics (Regisseur)
Katharina Bach (Regieassistentin)
Christian Bo Salle (Inspizient)