Foto: Robert Schittko
Jean Raspails Werk aus dem Jahr 1973 und seine Bearbeitung 1985 ist eine wachrüttelnde Dystopie über den Clash der Kulturen, deren Tragweite das Schauspiel Frankfurt nicht dem rechtsradikalen Diskurs überlassen möchte. Der apokalyptische Roman des Franzosen, in dem eine Million Flüchtlinge aus Asien nach Europa aufbrechen, fängt die Doppelmoral unserer Gesellschaft ein, die sich einerseits auf einen Universalismus der Migration beruft und andererseits um ihre eigene Identität ringt. Jean Raspail erzählt von einem kollektiven Angstgefühl der westlichen Welt, von dem unbewussten Wissen darum, dass der eigene Wohlstand auf Kosten der anderen geht, und der Ahnung, dass sich unsere angestammte Sicherheit nicht ohne schwere Konflikte aufrecht erhalten lässt. Schließlich bleibt die Frage, ob die Humanität nicht eine Chimäre ist, die wir zwar predigen, doch deren Konsequenz wir nicht tragen wollen.

Pressestimmen

»[…] Dass gerade ihre ausbeuterische Lebensweise neue Arme überall auf der Welt produziert, die sich nach Europa aufmachen werden, zeigt der exzessive Schluss: Während Plastikbabys die Bühne fluten, ballern die letzten Kämpfer des Abendlandes auf vermeintliche Eindringlinge in den Sonnenuntergang: Entweder den Wohlstand teilen oder töten. Allein Heiner Müllers beständig wiederholter Satz hält Raspails Sprachinvasionen in Schach: "lrgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich leben kann in meiner Scheiße." Großer Applaus für alle Beteiligten.«
Frankfurter Neue Presse, 18. Mai 2019
»[…] Bei aller szenischen Polemik gegen diese reaktionäre Position gelingt es der Inszenierung gleichzeitig, vermeintliche diskursive Selbstverständlichkeiten eines „Gutmenschentums“ zum Tanzen zu bringen. Ist man wahrhaftig bereit zu teilen und eben auch ungemütliche Konsequenzen einer Infragestellung des eigenen Wohlstandsprivilegs hinzunehmen? Bei wirklichkeitsnaher Inaugenscheinnahme sind wir nun einmal alle, gleich wie aufgeklärt undweltsolidarisch, unweigerlich Insassen der Festung. […] In jedem Fall aber ist dieser Abend geeignet, Diskussionen beim Glas Wein hinterher zu befeuern, wie das dem Theater nicht oft gelingt.«
Offenbach Post, 18. Mai 2019
»[…] Das kraftvolle Ensemble des koproduzierenden Schauspiel Frankfurt erspielt mit starker körperlicher Präsenz immer wieder Momente, in denen etwas von der Verführungskraft einer Gemeinschaft zu spüren ist. Weil sie scheinbar einen Ausweg aus der Bedeutungslosigkeit und Lächerlichkeit bietet.„Das Heerlager der Heiligen“ ist einer der bisher überzeugendsten Annäherungen des Theaters an das Denken und Fühlen der radikalen Rechten. Und der erste künstlerische Höhepunkt der Ruhrfestspiele.«
Deutschlandfunk, kultur heute, 5. Mai 2019
»[…] Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer sagte vorab, er wolle diesen hochtoxischen Roman „auf die Couch legen“. Wenn man das Bild zu Ende denkt, wären wir die Therapeuten, die dem Text dabei zuhören, wie er nach und nach im Erzählen seine neurotischen Tiefenstrukturen und Urängste offenlegt. Das gelingt auch durch kluge Kürzungen und Akzentuierungen verblüffend gut. […] Diese Eingangsszene ist ziemlich stark. Zum einen wird früh klar, dass Rahmer und seine Dramaturgin Marion Tiedtke sich trauen, auch das Faszinierende an diesem Text auszustellen, den verführerischen Glanz durch die Mittel des satirischen Humors und ätzenden Hohns. […] Das Popanzhafte, Dröhnende dieser Prosa stellt sich in der Übersetzung und Adaption der Dramaturgin Marion Tiedtke tatsächlich genau so aus wie das geradezu grotesk Notgeile […].«
Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2019
»[…] Schauspieler Michael Schütz in seiner wunderbar selbstgefälligen Helmut-Schmidt­haftigkeit (ein Zitat des legendären Kanzlers über die Bevölkerungsexplosion erklingt aus dem Off) futtert und futtert, bis ihm am Ende dieses großen Fressens ein Teil jener Plastik-Babypuppen aus dem schmerzenden Leib zu quellen scheint, die schließlich in großer Zahl auf den Bühnenboden gekippt werden – eines von mehreren drastischen Bildern, mit denen Schmidt-Rahmer und sein Team ihre durchaus lautstarke Inszenierung anreichern. Die stärkste ist allerdings eine leise Szene kurz vor Schluss, ein apokalyptischer Albtraumtext über aufgeschichtete Leichen. Das ist definitiv kein Abend für Marine Le Pen.«
Westfälischer Anzeiger, 6. Mai 2019
»[…] Einen solchen Text auf die Bühne zu bringen, zeugt vom Vertrauen in die Reflexionsfähigkeit der Zuschauer. Verlangt allerdings vom Regisseur, darzustellen, ohne sich mit dem Dargestellten gemein zu machen. Hermann Schmidt-Rahmer setzt dabei weitgehend auf Bilder. […] Schmidt-Rahmer bricht die rassistisch-nationalistischen Thesen, indem er eine gewaltbereite Jagdgesellschaft in der Festung ihres Denkens zeigt und sie als geisterhafte Dandys überzeichnet. […] Da muss Schmidt-Rahmer im Hintergrund seiner Bühne nur das rötlich gefärbte Mittelmeer wogen lassen, um daran zu erinnern, dass auch Europa ja gar nicht wehrlos ist, wie Raspail fantasiert, sondern längst eine Wahl getroffen hat. Die Abschottung ist im Gange, sie kostet Menschen das Leben – und die Bekämpfung der Fluchtursachen ist zur Hohlformel verkommen. […]«
Rheinische Post, 5. Mai 2019
»[…] Aber in der Kritik an der Heuchelei, zwar öffentlich unsere moralische Gutgesinntheit zu pflegen, aber doch privat nicht bereit zu sein zu teilen, gibt es Übereinstimmungen mit Raspail. So schmuggelt Schmidt-Rahmer, der unabhängig von der deutschen Buchausgabe im neurechten Antaios-Verlag eine eigene Übersetzung und Bühnenfassung erstellt hat, auch seine eigene Auffassung in den Text: "Schießen oder Teilen", das ist die Alternative, sagt eine Figur, die andere antwortet: "Das Schießen, das machen doch die anderen für uns, weit draußen. Die Festung Europa steht." Der Westen ist nicht verweichlicht, er versteckt nur seine Härte. Der Westen ist nicht bereit, die wirklichen ökologischen und ökonomischen Kosten seines Wohlstandes zu tragen und lagert sie in den Süden aus. […]«
nachtkritik.de, 4. Mai 2019
»[…] Katharina Bach, Daniel Christensen, Stefan Graf, Xenia Snagowski und Andreas Vögler bleiben im Stück namenlos. Sie müssen als Zerrbilder für eine unmenschliche Zivilisation herhalten, werden auf unterschiedliche Weise zu widerwärtigen Fratzen und bemitleidenswerten Kreaturen stilisiert. Und erfüllen diese Herausforderung mit Bravour. […]«
Recklinghäuser Zeitung, 6. Mai 2019

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Kammerspiele

Uraufführung
04. Mai 2019 Ruhrfestspiele Recklinghausen
16. Mai 2019 Schauspiel Frankfurt

1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause
Regie
Hermann Schmidt-Rahmer

Bühne
Thilo Reuther

Kostüme
Michael Sieberock-Serafimowitsch

Video
Rebekka Waitz

Musik/Sound
Hermann Schmidt-Rahmer

Dramaturgie
Marion Tiedtke

Besetzung
Katharina Bach, Daniel Christensen, Stefan Graf, Michael Schütz, Xenia Snagowski, Andreas Vögler, and Birgül Babin, Chau Lien Nguyen, Thanh Nguyen (background actor)