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Feine Leute. Ein Landsitz im Spätsommer. Keine Eintrübung in Sicht. Und doch… Der blinde Autor Eduard von Keyserling seziert in seiner Erzählung von 1911 hellsichtig eine Gesellschaft der Dekadenz. Ähnlich dem überreifen Obst, das er bildreich beschreibt, ist diese faul und weich – ohne Kern und Substanz. Um der gähnenden Leere des eigenen Lebens zu entgehen, beschäftigt man sich mit dem Garten, der Jagd, der Liebe. Seltsam hohl bleibt diese Liebe aber, noch nicht einmal ein drohendes Duell kann die Figuren länger als für eine Nacht interessant machen. Der nahende Untergang dieser Welt ist allgegenwärtig in diesem mit feiner Ironie beschriebenen Mikrokosmos, der sich vergeblich von der Außenwelt abzuschotten sucht. Barbara Bürk – Expertin für leichtfüßige Adaptionen literarischer Texte – bringt Keyserlings atmosphärisch dichte Erzählung als musikalisches Schauspiel auf die Bühne.

Pressestimmen

»Die Fallhöhe zwischen Ansprüchen, Sehnsüchten, Erwartungen und den tatsächlichen Ereignissen bringt die Komik hervor, dank derer »Am Südhang« dem Publikum viel zu lachen gibt. […] Es ist eine große Freude und höchst amüsant, Fridolin Sandmeyer zuzuschauen, dessen Mimik stets die Hoffnung Karl Erdmanns zum Ausdruck bringt, es möge etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles passieren. […] Zwischen Realismus und Stilisierung herrscht eine perfekte Balance, und immer wieder entstehen makellose Bilder aus dem stets wieder zur Ordnung drängenden kleinadelig-großbürgerlichen Leben. […] Es ist grotesk, albern, aber auch rührend. Was wohl schon Keyserling so sah. Und in Frankfurt nun auf nachgerade kongeniale, hochgradig unterhaltsame und kurzweilige Weise in Theater umgesetzt wurde.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2020
»Aber doch überdeckt der Spaß nicht die Geschichte. Erst glaubt man es kaum, dann merkt man, dass Bürk sich für diese Leute und diese Situationen tatsächlich interessiert. Sie führt sie nicht vor, selten vor. Sie zügelt die Exaltiertheiten […]. An Maren Ades »Toni Erdmann« lässt sich nicht nur denken, weil Michael Schütz in einer großartig gespielten Doppelrolle die eine von der anderen Figur durch prominente Vorderzähne trennt. […] Wer Lust hat, durch den schnellen Witz hindurchzutauchen, bekommt in Bürks 110 »Am Südhang«-Minuten einiges davon geboten. «
Frankfurter Rundschau, 24. Februar 2020
»Eine Erzählung, kein Theaterstück. An den Frankfurter Kammerspielen freilich hat die Keyserling-erfahrene Regisseurin Barbara Bürk mit einem bestens aufgelegten Acht-Personen-Ensemble daraus jetzt einen so amüsanten Theaterabend gemacht, als sei der Text nie anders als für die Bühne gedacht gewesen. […] Gespielt wird auf gardinenverhängter, nur mit zwei Teppichen und einer Handvoll Stühlen bestückter Bühne. Aber mehr braucht es auch nicht. Kaum ist der schlaksige Fridolin Sandmeyer in weißer Ausgeh-Uniform an die Rampe getreten und hat von einer knackenden Schallplatteneinspielung den Part des Erzählers und damit zugleich die Rolle des Karl Erdmann übernommen, da machen seine nonchalant herausgeschnipsten Erinnerungsfetzen die Leere umgehend vergessen. […] Köstlich auch die übrige Gesellschaft: Michael Schütz als selbstherrlicher Vater, Wolfgang Vogler als mönchischer Hauslehrer, außerdem Julia Pitsch als Karl Erdmanns überdreht sentimentale Schwester Heida und zwei-, dreimal als sekundenschnell nur mit Badetuch über die Bühne flitzende Kammerzofe Lina. […] Wunderbar leicht, das alles: eindreiviertel Stunden Eintauchen in eine Welt von argloser Selbstvergessenheit, in eine Welt freilich auch kurz vor dem Niedergang.«
Allgemeine Zeitung Mainz, 24. Februar 2020
»Heraus kommt ein Abend, an dem Albernheit groß geschrieben wird. Das beginnt damit, dass der fabelhafte Schauspieler Fridolin Sandmeyer als semi-schneidiger Karl Erdmann an der Rampe steht und Augen und Lippen zum Voiceover bewegt. Wer da nicht lacht, wird an diesem Abend nicht mehr froh. […]Oft sagenhaft komisch auch die Gesellschaftstänze und Solotanzeinlagen, die das Innenleben der Figuren bebend zur Schau stellen. So windet sich etwa Wolfgang Vogler als trauriger Gelehrter Aristides Dorn in einen exaltiert trotzigen Ausdruckstanz hinein. Must see! Das Schöne an dem Abend ist, dass er sich nicht auf seine Komik verlässt, sondern immer wieder auch den tragischen Kern der Figuren hinter ihrer Lächerlichkeit entblößt. Selbst bei Michael Schütz, der als Ottomar von Lynck eine Witzfigur à la Toni Erdmann light hinlegt, blitzen seelische Verwundungen durch. So wie der Erzählung bei aller fein gesponnenen Ironie immer anzumerken ist, mit wie viel Empathie und Zugeneigtheit von Keyserling seinen Figuren begegnet, so verbirgt auch Barbara Bürk nicht, wie sehr sie diese mag. […]Privilegierte Geschöpfe, die gern um sich selbst und ihr Innerstes kreiseln. Daneben kümmern sie sich am liebsten um ihre Vorlieben, ob den Garten, die Jagd, die Arbeit, das Essen oder den Wein. Und wir? Wir sind durchaus aufgefordert, uns ertappt zu fühlen.«
nachtkritik.de, 21. Februar 2020
»Das Feinsinnige an dem kurzweiligen Uraufführungsabend: Barbara Bürk verrät mit ihrem Team trotz aller verjuxenden Rollenwechsel, alberner Tänze und süffisanter Musiknummern nie Kern und Stringenz der 1911 geschriebenen Erzählung. […] Die zartgliedrige Schauspielerin [Melanie Straub] ist auch in Frankfurt das irisierende Zentrum. Unantastbar wie eine Chimäre und dabei samtfüßig wie ein eigenwilliges Tier gleitet Melanie Straub als Daniela von Bardow über die sparsam ausgestattete Bühne Anke Grots […]. Neben Melanie Straub sorgt Musikus Markus Reschtnefki als Fräulein Undamm am Flügel für komische Höhepunkte. All die jazzigen Riffs, elegischen Chansons und ironisch zitierten Popsongs, dazu die Klatschduelle, erratischen Gemeinschaftstänze und verrenkten Verzweiflungs-Soli legen Herz und Schmerz des Personals offen.«
Frankfurter Neue Presse, 25. Februar 2020
»Und diese pointiert dargebotenen Widersprüche sorgen im Publikum stets aufs Neue für lautes Gelächter. […] Besonders Schütz' vierschrötiger Clan-Chef ist eine Wucht, bei seinen absurden Balanceakten über den zwischenmenschlieben Abgründen oft zum Schreien komisch. Mit beeindruckender Bühnenpräsenz agiert auch Hackmanns sportiv-lässiger Botho. […] Und was hat diese Lage vor knapp hundert Jahren mit unserer Gegenwart zu tun? Einiges. Braut sich derzeit nicht Finsteres in Deutschland wie in der Welt zusammen? Und möchte man nicht trotzdem lieber in der Komfortzone bleiben? Das könnte fatal enden, wie Karl Erdmann und die Seinen in der 100-minütigen Aufführung so vital wie drastisch vor Augen führen. - Begeisterter Beifall.«
Rhein-Neckar-Zeitung, 24. Februar 2020
»Bürk verbindet Komik mit tragischem Ernst. Und das gelingt ihr auf erstaunliche Weise, diesen beiden Seiten den jeweiligen Raum zu lassen. Dazu lässt sie die Schauspieler auch ständig die Rollen wechseln. Was überhaupt nicht gewollt wirkt, sondern dem Stück einen gewissen Rhythmus verleiht. Dass sie sich dabei auf das Ensemble verlassen kann, versteht sich von selbst. Einsam an der Spitze steht alleine Fridolin Sandmeyer, der eine sehenswerte Schilderung des der Pubertät gerade entwachsenen, sich seiner Männlichkeit aber wohl bewussten Mannes abliefert, die von so viel Ernsthaftigkeit geprägt ist, dass man echt ergriffen ist. Er ist der einsame Held, die tragischste Figur von allen. Und obwohl er am Schluss nicht stirbt wie der Hauslehrer, weiß man, dass ein Abschnitt seines Lebens an genau diesem Punkt endet.«
Main-Echo, 26 Februar 2020

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Kammerspiele

Uraufführung 21. Februar 2020

ca. 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Regie
Barbara Bürk

Ausstattung
Anke Grot

Musik
Markus Reschtnefki

Dramaturgie
Ursula Thinnes

Besetzung
Melanie Straub (Daniela von Bardow / Wirtin der Waldschänke)
Fridolin Sandmeyer (Karl Erdmann von West-Wallbaum)
Michael Schütz (Vater / Ottomar von der Lynck, Legationsrat)
Christina Geiße (Mutter / Oda)
Wolfgang Vogler (Aristides Dorn / Dr. Ulich)
Eike Hackmann (Botho)
Julia Pitsch (Heida / Margusch, Wirtstochter / Lina, Hausmädchen)
Markus Reschtnefki (Leo / Fräulein Undamm, Gouvernante / Wirt der Waldschänke)