Flirrende Frühsommerhitze beim Verlassen des U-Bahn-Schachts, einige Meter von der Uni-Bibliothek entfernt. Schon von weitem leuchtet das weiße Zeltdach zwischen Bockenheimer Depot und Erdbeer-Spargel-Stand, unter dem sich heute neben entspannter Pausenatmosphäre aber vor allem tropische Temperaturen entwickelt haben. Während die ersten Teilnehmer_innen gegen 16 Uhr ihre Orientierungsprobe bereits hinter sich haben und in kleinen Gruppen die spärlichen Schattenplätze belagern, ist der Kinderschutzbund gerade mitten im Ausprobieren, schließlich stand hier noch nie jemand auf der Studiobühne.

Wer aus der grellen Nachmittagssonne kommt und dann die schwere Eisentür hinter sich schließt, bleibt erst einmal einige Sekunden stehen, bis sich die Augen an die kühle Dunkelheit des Bühnenraums gewöhnt haben. Schemenhaft vorbeihuschende Silhouetten gehören wohl zur Technikcrew, die gerade auf Hochtouren mit den letzten Licht- und Toneinstellungen beschäftigt ist. Scheinwerferlicht erhellt die leere Bühne, im Hintergrund ist die Beamerwand heruntergelassen, es herrscht angespannte Konzentration, denn es gilt den straff getakteten Probenplan einzuhalten. Johanna und Mathilda sitzen aber noch ganz gelassen auf der Zuschauertribüne: »Bis jetzt hat’s echt gut geklappt, wir mussten nicht alles drei Mal ausprobieren. Aber der Raum ist riesig, das habe ich mir gar nicht so groß vorgestellt. Und hier sind so viele Stühle – wenn da nachher überall Leute sitzen …«
Halb fünf. Im Theater gäbe es jetzt das berühmte ›Erste Zeichen‹, damit alle Künstler_innen wissen, dass in dreißig Minuten die Vorstellung losgeht. Diese Ansage kommt heute von Theaterpädagogin Martina Droste, der Künstlerischen Ko-Leiterin des Projekts: »Ihr habt die Proben diszipliniert und mit Bravour durchgezogen. Jetzt warten wir nur noch auf das Publikum und dann seid ihr dran: Habt einen Riesen-Spaß – die große Bühne ist heute für Euch!«

So kurz vor dem Auftritt brechen jetzt die härtesten Minuten Wartezeit an und im breiten Seitengang längs zur Tribüne hält es niemanden mehr auf den eigens bereit gestellten Holzbänken. Dann öffnen sich endlich die Portaltüren: Begeisterungsrufe bei jedem bekannten Gesicht von Familie und Freund_innen, die heute zum ersten Mal dabei sein dürfen. Lautstark schallen aufgeregte Begrüßungen zu den Zuschauerplätzen hoch. Der Schauplatz OST macht den Anfang und gleich ist Spontanität gefragt – die Live-Kamera muss nämlich noch schnell wieder in Gang gebracht werden. Und während die Louise-von-Rothschild-Schule mit ihrem Dance-Battle Regeln und Verbote auslotet, nach Gemeinschaft und Konkurrenz fragt, kommt zwischendurch die erleichterte Ansage: »Die Kamera funktioniert wieder!« Gerade noch rechtzeitig, denn die Gruppe vom Kinderschutzbund hat sich bereits auf der Hinterbühne versammelt und überträgt von dort, was dem Publikum sonst eigentlich verborgen bleibt, nämlich die letzten 10 Sekunden vor dem Auftritt. Welche Gedanken, Ahnungen und Hoffnungen gehen da durch die Köpfe? »Ich hasse das Publikum, warum starren die mich so an?« Sophonias, Paula und Franzi – sie alle haben sich mit der Verfasstheit des Augenblicks auseinandergesetzt und in konzentrierten Zeitmomenten eine Privatheit eingefangen, die von den fordernden ersten Erfahrungen auf und hinter der Bühne erzählt.

›Gehörgänge‹ betitelt die Ernst-Reuter-Schule ihre Soundcollage, die aufgenommene Alltagsgeräusche mit kurzen Videosequenzen aus der näheren Schulhofumgebung verbindet – Expeditionsteams, die mit allen Sinnen erkundet und sich die verschiedenen Klänge so genau wie möglich angeeignet haben, werden heute auf der Bühne zu wahren Klangimitatoren. »Und er sah, dass es gut war.« Mit diesem Satz enden 10 Minuten Schöpfungsgeschichte, die das Gymnasium Riedberg in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt hat: Wie sähe eigentlich die perfekte Stadt aus? Wäre sie in verschiedene Ebenen aufgeteilt? Wo würden sich Menschen, Tiere und Pflanzen begegnen und wo eben nicht, um sich nicht in die Quere zu kommen?

Komplett ohne ein gesprochenes Wort kommt die Johann-Hinrich-Wichern-Schule aus: Mannshohe sechseckige Holzrahmen tragen die Schüler_innen in den Bühnenraum, ›Ohne Titel. Struktur Eins‹ haben sie ihre Arbeit genannt. Was anfangs in seiner Anordnung auf dem Bühnenboden noch wie ein übergroßes Mandala aussieht, wird nach und nach mit Kabelbindern zu einem symmetrischen Körper verbunden und erinnert mit seiner schützenden Form an das futuristische Häuschen einer noch weit entfernten Moderne. 
Eine Besonderheit wagt der Schauplatz WEST: Alle drei Schulen geben heute gemeinsam eine große Tafelgesellschaft. Dabei sind sie vor allem der Frage nachgegangen: Wo sind wir hier im Frankfurter Westen eigentlich? Alternative Stadtpläne, ein Gegenstandsarchiv aus Alltagsobjekten und die unterschiedlichsten Heimatgeschichten sind seitdem entstanden. Auf langen Packpapierbahnen verzweigen sich Schulwege, jeder weitere entstehende Eddingstrich wird von der Live-Kamera übergroß an die Leinwand im Hintergrund geworfen. Und da die Tafelgesellschaft heute also zeichnet statt zu essen, gibt es die Essensgeschichten stattdessen aus den Bühnenboxen: »Omas versuchen ja immer alles mit Essen zu regeln. Man redet gerade von was ganz anderem und auf einmal fragen sie wieder: ›Sag mal, hast du heute eigentlich schon was gegessen?‹« – »In Marokko haben die Leute große Teller, und alle essen von einem. Wir essen auch richtig schnell, aber alle teilen und jeder will, dass du satt wirst.« – »Margarethe, willst Du noch Soße?« Eine Live-Anleitung zum Butterbrot-Schmieren, dem ›typischsten aller deutschen Essen‹, gibt’s natürlich auch.

Und wer zwar im Publikum sitzt, aber trotzdem große Pläne und hoffnungsvolle Wünsche für die kommenden Jahre braucht, kann heute für zwei Euro Zukunft in Tüten kaufen!