Beim nächsten Parkspaziergang im Frankfurter Norden lohnt es sich, einmal etwas genauer hinzusehen, denn seit den Sommerferien sind die Schüler_innen der Johann-Hinrich-Wichern-Schule in den Gärten des Stadtteils unterwegs und hinterlassen ihre Spuren. Natürlich nicht einfach nur den ein oder anderen Alltagsüberrest, sondern etwas, »das auch entdeckt und gefunden werden soll«. So erkundet die Gruppe seit geraumer Zeit ihren direkten öffentlichen Raum, steckt viel Zeit in das genaue Beobachten, sammelt Umgebungstöne für Soundcollagen und versucht sich an ganz verschiedenen Arealaufnahmen. Die ersten Spaziergänge liegen also schon eine ganze Weile zurück – das war gegen Ende des Sommers, als die Äpfel auf den Streuobstwiesen längst noch nicht reif waren. … aber wie ein richtig guter erntefrischer Apfel aussieht, weiß vermutlich jede_r. Also warum gedulden, wenn man Mutter Natur stattdessen auch ein bisschen auf die Sprünge helfen kann? Wer hier dann abends seine Runden drehte, fand statt der kleinen grünen Früchte auf einmal sonnenreifes Obst, zwar nur aufgeklebt und aus Papier, aber immerhin … Ganz in der Nähe spannt sich ein paar Tage später nach getaner Arbeit eine meterlange Wäscheleine, bestückt mit detailgetreuen Papierversionen der individuell getragenen Kleidungsstücke. »Wir wollten zusammen ganz präzise beobachten und alles so genau wie möglich festhalten«, Jorma tippt auf ein Foto, das auf einer Holzstaffelei mitten im Schulgarten am Victor-Gollancz-Weg steht. »Vielleicht entdeckt ja jemand Tage, Wochen oder vielleicht sogar Monate später unsere bunte Wäscheleine.«
An einem bereits kahlen Strauch in einer Gartenecke hängen dutzende Postkarten vom Frankfurter Flughafen. »Wir sind gar nicht weit weg gefahren, nur zum Flughafen. Dort haben wir uns dann selbst Postkarten geschrieben.« Göktan sieht die verschiedenen Karten durch – seine eigene hängt sehr weit unten und schickt Grüße aus der Türkei.
Amely und Lorena erinnern sich an die ersten gemeinsamen Ausflüge, die stets eine andere Perspektive zum Ziel hatten: »Es gab verschiedene Aufträge für jeden Stadtspaziergang: Mal ging es darum, Leute zu interviewen, mal haben wir Fotos von etwas Schönem und mal von etwas Hässlichem gemacht … Manchmal sind wir auch einfach irgendwo hingegangen und haben etwas gebaut.« Auf dem Dach eines Park-Pavillons zum Beispiel: Am Ende des Nachmittags entfaltet sich hier eine riesige Kuppel aus Holzverstrebungen, die von Kabelbindern zusammengehalten werden. Herumliegende Äste, Zweige und ganze Blätterranken fügen die Kuppel zu einem geschlossenen Laubdach. »Das war die einzige Aktion, die wir wieder abgebaut haben, da ging es eher um den Vorgang des Konstruierens, indem vorhandene Bauwerke in ihren Strukturen und Ästhetiken weitergedacht wurden.« Immerhin gibt es ein paar Fotos –allerdings wurden die immer am Aktionstag selbst gemacht, ist Paulina direkt aufgefallen: »Seid ihr eigentlich nach ein paar Tagen nochmal vorbeigegangen und habt geschaut, was aus euren Werken und den Spuren geworden ist?« Das gab es bislang tatsächlich noch nicht – aber vielleicht beim nächsten Ausflug, um so gezielt Fährten zu legen, über die Zeit und örtliche Distanz Botschaften auszutauschen und in Kommunikation mit den Finder_innen zu treten, die dann eine künstlerische Kontaktaufnahme mit dem Stadtraum und seinen Bewohner_innen ermöglicht.