Linus weiß, was Entspannungssuchende wünschen. „Schließe die Augen, blende alles aus“, raunt er in sonorem Tonfall, und, mit einem kleinen Seitenhieb auf seine Sitznachbar_innen, „auch die Stimmen von Mathilda und Sophonias hier neben mir. Höre genau hin: Der Kies knuspert unter deinen Füßen.“ Doch just in dem Moment, in dem seine Zuhörer_innen gern tiefer eintauchen möchten ins Land der temporären Träume, knipst der Vortragende den imaginären Lichtschalter: Licht aus bedeutet, hier gibt es erst einmal nichts mehr zu hören. Also auf zum nächsten Geschichtenschnipsel, zum Biografien-Versatz oder zur Märchenstunde, so genau soll man das hier nicht wissen.


Es ist der Abend des 31. Oktobers 2019, Halloween. Auch dies womöglich ein Grund, wieso der Kinderschutzbund heute in besonders kleiner Runde zusammensitzt. Statt schaurig wird es heute viel eher gemütlich. Beste Voraussetzungen, um konzentriert zu proben und zu probieren – und wirklich alle Anwesenden sind in Bestform. Und weil so viele Erwachsene wie Schüler_innen anwesend sind, bekommt jede_r Einzelne die volle Aufmerksamkeit. Zeit und Gelegenheit, um ein paar persönliche Geschichten auszutauschen. Oder zumindest das, was man auf den ersten Blick dafür halten könnte. Denn natürlich sind Mathilda, Zoe, Linus, „Soso“ Sophonias, Natalia und Johanna beinahe schon Vollprofis, die schauspielerische Leistungen zwischendurch aus dem Ärmel schütteln. Welche der erzählten Geschichten echt erlebt sind oder ausgedacht, ein wenig dekoriert oder komplett erflunkert, weiß niemand so genau. Und auch was Rhythmus, Timing, Reaktionsfähigkeiten angeht, sind alle hier Anwesenden bestens geschult: Zum Aufwärmen gab es mehrere Runden klopfen, trommeln, rückwärts auf Tische springen und drüber hüpfen und lautes Zischen, wobei jede_r einmal Laute und Choreographie der anderen aufnehmen, ein anderes Mal ganz bei sich und dabei jeweils über mehrere Minuten in Tempo und Takt bleiben musste.

Hast auch Du Kaninchengeschwister?

Wenn für diesen Abend ein Subtext formuliert werden sollte, dann könnte er vielleicht auf den Namen eines amerikanischen Bestsellers hören: „Acting as a Business“, geschrieben von Brian O’Neil und herausgegeben 1993, als Selbstoptimierungsbücher noch ganz unverblümt mit ihrem Thema umgingen. Schauspielen und Darstellen als skill, den man nicht naturgeboren mitbringt, sondern den man polieren und schleifen muss, zum eigenen Vorteile, versteht sich. Denn auch in dieser so gemütlichen Runde ist, was den Unwissenden so gar nicht auffallen könnte, jeder des anderen Konkurrent_in. „Denkt an die Knuspel Foundation!“ heizt Regina die Gruppe an. Was es mit der ominösen Stiftung auf sich hat, wird (noch) nicht verraten. Mancher tut, als ob er mehr wisse als die anderen. Es scheint um Stipendien zu gehen, die Summen schwanken, und wenn die Motivationslage zu sinken droht, dann kann die ausgelobte Förderung auch einmal plötzlich nach oben korrigiert werden. „Und denkt daran: Bitte lächeln! Zeigt Euch von Eurer besten Seite!“ Aggressive Fröhlichkeit: on. Die sechs gehen auf Sendung.

Aufgereiht nebeneinander sitzend, warten die Schüler_innen nun auf ihr Testpublikum. Später wird jeder eine kleine Tischleuchte bekommen, die ein- und ausgeknipst werden kann. An bedeutet: Geht los. Aus: Vorbei, hier gibt es nichts mehr zu hören. Wann man von wem was zu hören bekommt, bleibt unberechenbar.


Neben Linus‘ Entspannungsreise kann man hier zum Beispiel erfahren, dass Zoe 33 Meerschweinchen ihr Eigen nennt, die die erklärte Tierschützerin alle gemeinsam in einem Käfig hält. Die fantastischste Biografie hat wohl Soso aufzuweisen, der uns gern von seiner tragischen Kindheit erzählt, in der sein Vater vom Dachs und der Opa vom Fuchs gefressen wurde. Immerhin, er selbst hat überlebt: „Meine Eltern haben mir viele Höhlen gebaut, damit ich flüchten kann!“ Was für den gewöhnlichen Zuschauer seltsam anmuten mag, entwickelt schnell eine bestechende Logik, wenn der Vortragende sein Publikum beiläufig fragt: „Hast du auch Kaninchengeschwister?“

Besonders viel Applaus erhält an diesem Abend Johanna, die mit ihrem Akt das gesamte Unterfangen konterkariert. Tritt man nach all den schönen, fantastischen oder merkwürdigen Geschichtsschnipseln an ihren Tisch, dann wird plötzlich ein ganz anderer Ton angeschlagen. „So, und Sie denken, dass Sie hier jetzt ne schöne Geschichte von einem Kind hören, oder wie?“ Gut möglich, dass ihr genau diese Anti-Haltung Ruhm und Ehre und Anerkennung fürs beste Spiel sichern wird.