Viel vor haben die Gruppen NORD im heutigen, dem letzten Tryout des Jahres. An einem einzigen Nachmittag sollen Baumelemente geformt, gefertigt und schließlich zu einem brauchbaren Gebäudemodell zusammengesetzt werden. Ein bisschen weihnachtlich soll es auch werden, schließlich beginnt die Festzeit in einer knappen Woche. Man könnte dieses Tryout als Lebkuchenhaus-Nachmittag bezeichnen, aber natürlich geht es heute weniger ums Dekorieren als um das gemeinsame Bauen. Und die Ziegel, die in der Küche von einer Gruppe der einladenden Johann-Hinrich-Wichern-Schule (die haben schon den Teig vorbereitet) zusammen mit Schüler_innen des Gymnasium Riedberg  geformt werden, die müssen auch höchsten Bauanforderungen genügen. Jorma erinnert ans Pragmatische: »Leute! Hauptsächlich geometrische Formen, bitte, mit denen wir bauen können! Herzen sind nicht so sinnvoll.«

Diese und andere Erinnerungen von Jorma wie Corbinian verhallen nicht ungehört, aber ein paar süffisante Antworten kann sich die Gruppe nicht verkneifen: »Das können die Erwachsenen gut – am Rand stehen und zukucken!«
Stimmt allerdings nicht ganz: Paul, der dritte Künstler im Bunde, eilt als Chefkoch des Nachmittags zwischen Lehrküche Rot, Grün und Blau umher. Unermüdlich schiebt er geformte Ziegel in den Backofen und holt sie fertig gebackten wieder heraus, stellt das Rezept für den Eiweißkleber zusammen, der die Bauelemente später verbinden soll, erwärmt den Kinderpunsch und rührt dazwischen noch schnell die köstlich duftende Linsen-Kokos-Suppe um. Keine_r soll abgelenkt werden vom Bauprojekt: »Wenn ihr noch etwas zu trinken wollt, sagt Bescheid, ich bediene euch!«

Das Catering bei AOF, raunt die Runde zufrieden, als sie die von Paul und den Wichern-Schüler_innen vorbereiteten Leckereien (selbst gebackenes Brot & Kekse gibt es außerdem), könne sich schon sehen lassen. Als genügend gebackene Ziegel abgekühlt sind, geht’s dann endlich an den Bau. In schulübergreifenden Vierergruppen sollen nun Lebkuchengebäude entstehen, die das Jahresthema beider Gruppe, Bauen und Gemeinschaft, in ein weihnachtliches Mitbringsel transformieren. „Damit ihr, « so Pauls frommer Wunsch, »auch in den Ferien an ALL OUR FUTURES denkt!“ Natürlich hagelt es gleich kritische Nachfragen: Wer aus der Gruppe soll das fertige Bauwerk denn eigentlich mit nach Hause nehmen? Und wie lang muss man die verdammten Ziegel still festhalten, bis der Zucker-Eiweiß-Zitronenkleber hält?

Was in der Theorie funktioniert, will heute nicht so recht in die Praxis übersetzen. Paul verfeinert die Kleberformel noch einmal mit extra viel Zucker und verspricht einen neuen Sekundenkleber. Manchmal scheitert es auch an der Geduld der verschiedenen Bauleiter. »Seid ihr fertig?« fragt Göktan freundlich, als er mal kurz zwischendurch bei seiner Gruppe vorbeischaut. Denn dann kann er ja auch wieder gehen. Immer wieder werden Vorzeigeprojekte einzelner Gruppen bewundert. Die Künstler sind begeistert: »Wir haben hier eine Strebergruppe!« Eine Hospitantin fühlt sich beim ersten erfolgreich zusammengesetzten Gebäude gar an ein Bretonisches Bauernhaus mit seinen markanten zwei Schornsteinen, auf jeder Seite je einen, erinnert. Das Geheimnis dieser Schüler_innen: So viel Kleber, dass der fast als eigenes Bauelement gelten kann.

Doch kurz nach den Ahhs und Ohhs ist das hübsche Bauwerk auch schon gnadenlos in sich zusammengekracht. Andere werden gar nicht ganz fertig. Der Turmbau zu Babel stockt, bevor er jemals abgeschlossen werden konnte, und dafür braucht es hier nicht einmal babylonische Sprachenverwirrung. Zum Schluss steht aber zumindest ein wunderschönes Bauwerk: Postmodern zusammengeklatscht, Lebkuchen-Brutalismus oder vielleicht doch am ehesten ein feines Beispiel organischer Kleinarchitektur? Die Baudamen und -Herren sind schon los, sie können nicht mehr gefragt werden. Doch auch, wenn die meisten Bauvorhaben an diesem Nachmittag vorerst gescheitert sind, stimmt die Stimmung: Am Schluss spielt Leon noch Jingle Bells auf dem Touch-Synthesizer. Es geht in die Feiertage. Schöne Weihnachten!