Im Team WEST bleiben Sicht- und Unsichtbarkeit ein wichtiges Thema. An den Wänden der Kunsthalle Ludwig hängen Fotos vergangener Aktionen: Camouflage im öffentlichen Stadtraum, unsichtbar werden. Einige kauern sich zu rotpullovrigen Steinen im Flussbett zusammen, andere versuchen, durch Mimikry (Streifenkleidung auf gestreiftem Hintergrund, Slogans auf Kleidung vor Wand-Graffiti) in Deckung zu gehen. Wieder andere nutzen den Trick der Ablenkung – hier ein Tuch an die Lehne gehängt, dort einen an diesem Ort unpassenden Gegenstand platziert, schon liegen die Blicke der anderen erst einmal anderswo.

Diesmal soll es für die Gruppe der Walter-Kolb-Schule noch stärker um die eigene Bewegung im Raum gehen. Dass mit uns gleich zwei fremde Zuschauer_innen dabei sind, hilft nicht unbedingt. Aber das müsse man aushalten, erklärt Kristin: Denn schon sehr bald wird es darum gehen, vor sehr viel größerem Publikum, genau, zu performen. Und wie man das macht, wozu das Ganze gut ist und wie die sich unterscheiden, gute Performances, schlechte Performances, davon unter anderem wird dieser Vormittag handeln. Und „Bleib‘ bei Dir!“ wird die Losung des Tages, denn Ablenkung vom eigenen Bewegungslauf lauert in einer Schüler_innengruppe überall.

Nach einigen Übungen in der Gruppe und Gesprächsrunde geht es los: Jede_r muss eine Art Lauf einmal durch die halbe Kunsthalle absolvieren, und die prüfenden Blicke, die auf der oder dem Einzelnen in diesem Moment lasten, lassen sich bei vielen Schüler_innen am verschämten Blick, dem unwillkürlichen Lächeln ablesen. Trotzdem ziehen alle tapfer durch. Britta motiviert noch einmal: Bis zur Bank gehen, nicht vorher abkürzen! Was sagt es nun, wenn sich Fotograf und Autorin dieses Beitrags an dieser Stelle unverhohlen an Germany’s Next Topmodel erinnert fühlen? Wohl mindestens so viel über Sehgewohnheiten, Mediengewohnheiten, kollektive Assoziationen, wie über die Übung selbst. Aber: In der Form ist der Catwalk gar nicht so weit entfernt. Gleichzeitig sind ganz entscheidende Dinge anders  – der Gang nämlich kann frei Schnauze gestaltet werden. Lässig wippend, groovend, aufrecht wie mit Buch auf dem Kopf, sogar schlurfend, wenn man möchte, aber dann bitte so richtig. Und Konzentration ist prima, aber: „Ihr müsst kein Betongesicht haben!“ Lächeln geht klar. Erlaubt ist, was absichtlich und bewusst geschieht, was die_den Einzelne_n persönlich hervortreten lässt.

Anders als sonst auch der Blick des Publikums, der unbedingt wohlwollend ist. Nicht bewerten, nur beobachten, lautet die Anweisung zum Gucken. Wer hat wie performt? „Jan“, meint ein Schüler über seinen Klassenkameraden, „ist richtig gewippt beim Laufen, da hat der ganze Körper mitgegroovt.“

"Lieblingsgericht: Currynudeln"

Im zweiten Teil des Treffens wird in kleineren Gruppen weiter am Thema gearbeitet. Britta geht mit ihren Teilnehmer_innen tiefer ins Detail: Aus einer Liste von Bewegungsanregungen wählt jede_r fünf bis zehn aus, die dann zu einer Mini-Choreografie gereiht werden sollen. Haken schlagen, hänseln, summen, einen Regenschirm aufspannen, ein Messer ziehen, Haare schneiden, stolpern, auf dem Boden rollen, in die Luft schreiben. Nur die Anregung, sich mit der Faust auf den Kopf und ins Gesicht zu schlagen, erntet ein lautes „Hä?“ von der Gruppe.

Kristins Gruppe überträgt das Thema der Sichtbarkeit auf die Welt der Dinge: Gegenstände sollen so manipuliert werden, dass sie sicht- oder unsichtbar sein können. Einen Vorgeschmack hierauf gibt es in der Sitzecke, wo Sessel, Tisch und Sofa mit scheinbar alltäglichen Objekten ausstaffiert wurden. Erst bei genauem Hinsehen offenbaren sich die Papier-Titanic in der Wasserflasche (die alte, aber immer gültige Frage: wie ist das Schiff da reingekommen?), der Knet-Kuli und die Minion-Augen auf den Cent-Stücken. Heute stehen unter anderem eine alte Fernbedienung, Pizzapackung, Kunstzeitschrift und Plastiklöffel als Rohmaterial zur Verfügung. Gerade werden einer Fotografie von Alex Prager die Augen ausgeschnitten. Nousra zeigt eine manipulierte Postkarte, der sie ein Kriegsszenario auf die Vorderseite geklebt hat: „Schöner Urlaub, was?“


Und bei Florence wird die Sichtbarkeit anderer Menschen erforscht: Jede_r sucht sich hier einen Menschen aus, der durch die Straßen zieht, und denkt sich nicht nur Fragen, sondern auch gleich die passenden Antworten über sie oder ihn aus. Was denkt die Person? Wo wohnt sie? Wohin läuft sie? Von woher kommt sie? Aber natürlich geht es auch um die ganz handfesten Dinge, die, die im Zweifel mindestens genauso zählen wie Herkunft, Beruf und Wohnort. Auf einem Zettel steht die Antwort auf eine Frage notiert, die in jedem Schulfreunde-Buch ihren festen Platz hat. „Lieblingsgericht: Currynudeln.“