Florence Ruckstuhl ist Künstlerin im Team WEST. Nach praktischen wie theoretischen Erfahrungen in der Theaterarbeit, als Performerin und spartenübergreifend in verschiedenen Kunstdisziplinen hat sie unter anderem seit der Spielzeit 2013/2014 einen Jugendclub am Theater Basel geleitet. An dieser Stelle gibt sie einen Ausblick auf das letzte Jahr von ALL OUR FUTURES, lässt »Deine Mutter«-Witze Revue passieren und erklärt, was sie ganz persönlich aus der Zeit im Projekt mitnimmt.

Florence, es geht nun ins dritte und damit ultimative Jahr von AOF. Mit welcher Grundstimmung, welchen Erwartungen gehst du ins Projekt?

Ich bin in erster Linie auf das dritte Jahr gespannt. In Team WEST arbeiten wir mit zwei Klassen jetzt im dritten Jahr zusammen und ich freue mich darauf, die inhaltliche Arbeit da anzuschließen, wo wir vor den Sommerferien aufgehört haben. Das heißt zum einen: rote Fäden, die wir interessant finden, weiter zu verfolgen und zu gucken, wo sie uns hinführen. Zum anderen: bei jenen Fäden, bei denen wir das Gefühl haben, ihr weiterer Verlauf interessiert uns gerade nicht mehr so sehr, einen Punkt zu setzen und sie zu verlassen. Fragen, die sich eröffnet haben, aufgreifen und nach Antworten suchen, bereits gegebene Antworten vertiefen und andere Fragen verlassen. Für mich fühlt sich dieses dritte Jahr stark nach einem Abschluss an. Wir haben uns als Künstler_innen im Team sehr gut kennen und gemeinsam zu funktionieren gelernt. Und auch zu den Klassen, den Lehrer_innen und den einzelnen Schüler_innen gibt es eine Form von Vertrautheit miteinander. Ich bin sehr gespannt, wo uns die Erfahrungen aus den letzten Jahren hinführen und wo wir dann im Februar 2020 ankommen.

Du kommst aus den Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen und hast auch vorher schon viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Unter anderem gab es da die Performance »Meine Mama sagt, das darf man nicht«...Könntest Du dazu etwas erzählen?

»Meine Mama sagt, das darf man nicht« war eine Performance, die Leander und ich gemeinsam mit unseren Müttern im Rahmen des Nachwuchsstipendiums „Performancetheater für Kinder und Jugendliche“ für Kinder ab 10 und deren Mütter am Theater Freiburg entwickelt haben. In unserer Erinnerung hat Kindheit viel damit zu tun, dass Dinge von einer erwachsenen Instanz (bei uns unseren Mamas) erlaubt oder verboten werden. Deswegen wollten wir uns für ein junges Publikum damit beschäftigen, was Regeln überhaupt sind, wie sie zustande kommen und ob es zum Beispiel nur eine Möglichkeit gibt, sich an Regeln zu halten, oder eben nicht. Weil wir es aber doof fanden, wenn zwei erwachsene Performer_innen, die in ihrem eigenen Leben tun und lassen können, was sie wollen, sich vor eine Horde Kinder stellen und denen erzählen, dass Regeln verhandelbar sind, haben wir uns dazu entschieden, unsere eigene moralische Instanz mitzubringen. So kam es dazu, dass wir mit unseren Müttern gemeinsam perfomt haben und auf der Bühne ähnliche Bedingungen geschaffen wurden, wie sie bei einem Kinderstück im Publikum eh vorhanden sind: Kinder verhandeln mit ihren Mamas, was man darf oder nicht. Warum man etwas nicht darf und was ist, wenn man das trotzdem tut. Meine Lieblingsszene war die, in der unsere Mütter dem Publikum einen »Deine Mutter«-Witz nach dem anderen vorgelesen haben und sowohl das Publikum als auch Leander und ich nicht lachen durften.


Der kleinste gemeinsame Nenner

Inwiefern unterscheidet sich AOF nochmals von deinen vorherigen/anderen Projekten? Die Größenordnung ist da sicher nur ein Aspekt…

»Meine Mama sagt...« war wie gesagt keine Arbeit mit, sondern für Kinder und Jugendliche. Ansonsten habe ich vor allem in Jugendclubformaten mit Kindern und Jugendlichen zusammengearbeitet und sie dabei unterstützt, ihre eigene Kunst zu machen. Der große Unterschied zu AOF war für mich dabei, dass in diesen Jugendclubs zum einen die Gruppen viel kleiner sind (um die zehn Teilnehmer_innen) und ich so viel einfacher auf die Bedürfnisse und Interessen der Einzelnen eingehen konnte. Zum anderen war diese Teilnahme immer freiwillig, das heißt, ich habe mit Menschen, die sich eh schon für Theater interessieren und sich dazu entscheiden haben, das selber ausprobieren zu wollen, zusammen gearbeitet. Die freiwillige Teilnahme an einem Jugendclub bietet eine ganze andere Ausgangslage als die Teilnahme als Schulklasse an AOF. Zum einen hat Freiwilligkeit vielleicht den Vorteil, dass es da erst mal Neugierde und die grundsätzliche Bereitschaft gibt sich zu beteiligen. Zum anderen finde ich das Schöne an AOF, dass Menschen, die sich sonst vielleicht nicht für ein Theaterprojekt angemeldet hätten, die Möglichkeit haben, das auszuprobieren und ich sie dabei begleiten darf.

Deine Kolleg_innen zuvor habe ich alle nach einem AOF-Schlüsselerlebnis gefragt. Gab es den für dich?

Für mich gibt es ganz viele Schlüsselereignisse. Kleine Momente in Proben, Pausen und Performances, in denen etwas ganz Besonderes passiert ist, ich etwas verstanden habe, oder die mich sehr berührt haben. Diese Momente sind aber so zahlreich und alle auf ihre eigene Art und Weise so gleichwertig und wertvoll, dass ich keinen davon hier speziell hervorheben und so wichtiger als die anderen machen möchte. Ich habe aber in meinem eigenen Leben gemerkt, dass die Arbeit von AOF auch einen Effekt darauf hat. Wenn ich verschiedenen Schüler_innen über zwei Jahre immer wieder die Frage stelle »Wie wollen wir in Zukunft zusammen leben?« dann muss ich mir diese Frage auch selbst stellen. Sonst nehme ich sie nicht ernst und sie bleibt einfach nur irgendein »Thema«. Und ich glaube, meine eigene Teilantwort darauf ist, dass ich gemerkt habe, dass wir alle in unseren Leben, so unterschiedlich sie auch sein mögen, irgendwo die Möglichkeit haben, unser Zusammenleben aktiv mitzugestalten. Diese Mitgestaltung bedeutet für mich, aktiv Verantwortung dafür zu übernehmen, wie man mit anderen Menschen zusammen in dieser Welt lebt. Das kleinste Motto könnte da heißen: »Einfach kein Arschloch sein.«

»Wie können wir im Februar Pizza servieren, die nicht verbrannt ist?«


Irgendeine Probe, Aufführung, Performance, die schon einmal massiv daneben ging?

Natürlich! Es geht immer was daneben. Dinge, die immer nur nach Plan laufen und Menschen, die immer alles richtig machen, finde ich langweilig. Aber das Gute ist: dem Publikum fällt meistens gar nicht auf, wenn etwas daneben geht. Also werde ich hier natürlich nicht verraten, was schon alles danebengegangen ist, weil es ja wahrscheinlich eh niemandem aufgefallen ist. Pleiten, Pech und Pannen sind Betriebsgeheimnis :)

Und der Ausblick: Was wird ganz konkret bei Eurer nächsten Probe anstehen, und was soll dann im Frühjahr 2020 herauskommen?

Wir hatten letzte Woche zwei Tryouts. Mit der Walter-Kolb- und der Hostatoschule werden wir diese Tryouts auswerten und dann überlegen, was daran gut war und wie wir damit weiterarbeiten wollen. Zum Beispiel kommt da die Frage auf: Wie können wir im Februar Pizza servieren, die nicht verbrannt ist? Aus diesen Auswertungen gucken wir dann, was aus unseren ersten kleinen Ideen und Experimenten für Februar werden kann. In der Ludwig-Erhard- Schule arbeiten wir mit einer komplett neuen Gruppe. Da geht es erst mal darum, sich kennenzulernen und gemeinsame Interessen zu finden. Wir probieren aus, woran wir Spaß haben, und sehen dann, was wir daraus machen. Es bleibt also spannend.

Vielen Dank für Deine Zeit!