Schaut mal nach in Eurer Küche! Die rote Tasse im Schrank ist mit ziemlicher Sicherheit nicht einfach nur eine rote Tasse. Früher, als das Leben noch aufregend und die Tage voll Überraschungen waren, ist diese Tasse nämlich ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau gewesen. Wirklich! Oder noch früher einfach ein kleines Kind, das sich wünschte, später einmal mit einem roten Auto und ordentlich Blaulicht durch die Straßen der großen Stadt zu heizen. Doch wie für jede*n Erdenbewohner*in kommt eines Tages der Tag der Tage, der vielleicht morgens schon mit einem unguten Gefühl beginnt und nachmittags urplötzlich endet und zwar für immer. Wenn es nach dem kleinen Volk der Porzellaniden geht, sind diese Verwandten jedoch nicht einfach tot und auf ewig verschwunden, nein: Sie werden zu Porzellan und jede*r für sich zu einem neuen, einzigartigen Geschirrstück, das sich flugs im Küchenschrank wiederfindet.
Doch damit nicht genug: Verwandte im Küchenschrank bedeuten Arbeit – schließlich steht niemand gerne einfach so auf einem Regalbrett herum und verstaubt. Um auf Dauer ein gutes Zusammenleben zu sichern, gibt es das edle Götterpaar, genannt Porze und Lan. Die beiden wachen seit eh und je über ihre kleinen Schützlinge und so ist es kaum verwunderlich, dass sich in diesem Kulturkreis über die Jahre eine lange Liste an Regeln und Vorschriften angesammelt hat: Porzellaniden hassen die Spülmaschine mehr als alles andere und bevorzugen Pril und die klassische Handreinigung. Tante Ilse beispielsweise, die zu Lebzeiten stolz ihre klobige Goldkette trug und nun als Kuchenteller mit markantem Goldrand ihr Dasein fristet, fürchtet immer noch, eines unachtsamen Tages im »Festgebranntes-löst-sich-im-Nu«-Programm zu enden. Außerdem müssen mindestens dreistündige Spaziergänge bei der Pflege eingeplant werden, und das täglich: Es empfiehlt sich ein schnittiger Servierwagen und porzellane Tanten wie Onkel sind glücklich. Aber wehe, es bleibt bei der kleinen Runde um den Block, da knirscht es dann schon mal missmutig im Geschirrschrank. Nicht zu vergessen auch das allabendliche Tänzchen mit den Küchenschrankbewohner*innen. Gern gehört wird ein Strauss-Walzer und erwartet eine flotte Sohle über’s Pakett. Schlimmer als die Spülmaschine ist übrigens nur noch der fahrlässige Umgang: Ein zerbrochenes Milchkännchen beispielsweise, das früher allen als der bleiche Schwippschwager zwei Dörfer weiter bekannt war, ist ein kaum wieder gut zu machendes Unrecht.
Deswegen merkt Euch:
Wer einmal einen Platz im Küchenschrank verspricht,
der zerbricht
bitte nicht
die eigenwillige Tante
an der Marmortischkante.