Geplant ist eine kleine Outdoor-Aktion auf dem Platz vor Frankfurts Alter Oper. Ungeplant ist das bereits zweistündige Schneetreiben. Und während die meisten beim Blick aus dem Fenster wohl auf eine knappe ›fällt aus‹-SMS warten, steht um zwölf zweifelsfrei fest: Team Ost ist hart im Nehmen. Hier fällt heute gar nichts aus – also Mütze auf und losgestapft. Dafür empfängt dann auch Sir Simon Rattle persönlich, der von einem überlebensgroßen Plakat unser aller Schulternhochziehen und das Mittagspausengelaufe der Banker_innen mit spöttisch-strengem Lächeln quittiert. Es dauert dann doch, bis sich der kleine Trupp der Schule am Ried zusammenfindet: Unter Schichten von Schals, übergroßen Fellkapuzen und hohen Kragen wirken alle wie ausgestattet für eine jetzt sofort anstehende Polar-Expedition und sind teils kaum zu erkennen. Trotz der Minusgrade ist die Gruppe bester Laune und vertreibt sich die restliche Wartezeit mit dem sorgfältigen Ertrampeln erster Schriftzüge in die unberührte Schneedecke des Lucae-Brunnens.
Kristina ruft zur Sicherheit nochmal genau in Erinnerung, was hier gleich passieren soll und um die Gefahr, bei einem Flashmob möglicherweise doch nicht aufzufallen, wirklich restlos zu bannen, gibt es erstmal Warnwesten für alle. Vereinzelt irritierte Blicke der Vorbeieilenden, die sich vermutlich fragen, ob es die französischen Gelbwesten mittlerweile schon nach Frankfurt geschafft haben … Dabei steht hier gerade kein Protest an, aber um Erfahrungen im öffentlichen Raum geht es trotzdem: darum, abseits alltäglicher Interaktionsgewohnheiten nach Möglichkeiten zu suchen, um mit einer anonymen Stadtgesellschaft in Kontakt zu treten, Grenzen auszutesten und Reaktionen zu provozieren. Inzwischen haben sich Zweierteams gebildet und Alex sorgt dafür, dass jedes Paar via Kopfhörer und Handy miteinander verbunden ist. Die Live-Schaltung steht also und im Prinzip kann die Aktion starten. Nur … der Platz ist riesig. Luigi weist Richtung U-Bahn-Schacht: Wie soll man hier drauflosspazieren und trotzdem noch als Gruppe zu erkennen sein? Kristina schlägt eine selbstgewählte Begrenzung des potentiellen Aktionsradius vor, sodass jede_r einen individuellen Bewegungsfreiraum zur Verfügung hat, die gesamte Gruppe aber gleichzeitig als agierende Einheit auffällt, die bei jeder Einzelaktion auch die Dynamik und den Rhythmus der jeweils anderen im Auge hat. Festgelegt wird ein vielleicht fünfzig Meter breites Carré, das nicht verlassen werden soll. 
Ein erster Versuch: Die Kopfhörerträger_innen brauchen selbstredend noch mehr Mut, denn ins Handy sprechen sich Anweisungen natürlich viel leichter, als sie selbst vor den skeptischen Augen völlig Fremder ausführen zu müssen. Das wird auch Güney und Mihajlo recht schnell klar, die dennoch jede noch so spontane Anweisung (»Folge dem Mann im dunklen Mantel.« – »Renn so schnell du kannst.« – »Geh genau auf die Frau zu … nein die andere meine ich.« – »Lauf in Zeitlupe rückwärts.«) umsetzen – immerhin wird heute für das kommende Reise-Try Out mitgefilmt.
Unter dem Vorbau der Oper hat sich seit geraumer Zeit eine mittelgroße Touristengruppe versammelt. Ausgestattet mit Handy und Navi-App sind sie gerade auf digitaler Stadtführung und starren angestrengt aufs Display, schließlich siegt aber doch die Neugier für das reale Geschehen direkt vor ihnen: »Sagen Sie … was machen die da? Ist das Pokémon Go?« – »Naja, nee … eigentlich ist das Kunst.«
Die erste Runde ist geschafft. Kurze Lagebesprechung mit Regina: »Habt ihr gemerkt, dass noch nicht so viele Leute stehen geblieben sind, als sie euch bemerkt haben? Das liegt daran, dass sich eure Bewegungen kaum von ihren unterscheiden, denn gehen und laufen tun hier alle. Lasst euch was einfallen – kurze Aktionen, die sich stärker abheben und dadurch mehr auffallen.«
Positionswechsel und los geht die zweite Runde – Variationen und Überraschungsmomente lassen nicht lange auf sich warten: »Sing so laut du kannst ›I believe I can fly‹!« Unten auf dem Vorplatz tut sich nichts. »Doch, los, du kannst das.« Noch immer ist nichts zu hören. »Mach das jetzt, los.« Endlich tönt der R. Kelly-Song bis zum Brunnen. »Sprich die ältere Dame da hinten an. Frag, wie es ihr geht und wo sie gerade herkommt.« – »Kopiere alle Bewegungen der Person, die du zuerst siehst.« –»Biete dem Mann da an, seinen Aktenkoffer zu tragen.« Einfach ist die Überwindung nicht, vor allem, wenn die Reaktion des fremden Gegenübers vorab nicht kalkuliert werden kann, aber meistens, da ist sich das Team am Ende einig, fällt sie viel positiver und interessierter aus als angenommen. Kurz bevor die Füße dann wirklich zu kalt werden, endet die Stadtraumaktion mit einem choreografierten Gruppenstandbild vor dem vereisten Brunnen – jetzt bleibt nur noch der Filmclip für das nächste Try Out im Februar zu schneiden.