»Keine Sorge, die sind alle gewaschen.« Britta zieht ein Knäuel bunter Schlauchtücher aus der großen Einkaufstasche. »Da könnt ihr euch jetzt so richtig einwickeln.« Also eine kurze Aufwärmübung: Jedes Tuch ist unglaublich elastisch, lässt sich in jede erdenkliche Richtung ziehen und hält Spannungen aus, ohne zu reißen. »Am besten sieht es aus, wenn ihr komplett im Tuch verschwindet! Auch euer Kopf und die Füße sollten nicht mehr zu sehen sein.« Gar nicht so leicht, aber sobald die Gruppe einen gemeinsamen Rhythmus gefunden hat, klappt es ganz gut. Minutenlang werden immer neue Formationen ausprobiert, Hände und Füße ausgestreckt und gemeinsame Fortbewegungsarten getestet. Spannungen, Bewegungen und Konflikte bilden sich gegen die farbigen Stoffwände ab. »Wir waren ganz verknotet und schief.« Ryan streckt seinen Kopf aus dem Tuch. »Druck und Fallen sind im echten Leben ja nicht so toll.« Leander deutet auf drei Hände, die sich unter dem blauen Tuch abzeichnen. »Aber hier sind solche Momente richtig gut anzusehen.«
Kristin sortiert im Hintergrund schon dutzende Kartons und Kisten mit allerlei Bastelmaterialien, Wiederverwertetem und Werkzeugen: Klebeband, schillernde Folie, Wäscheklammern, Schwämme, Krepppapier … – die ›Wanderinseln‹ sind in Arbeit. Alle Schüler_innen entwickeln ihre eigene futuristische Inselvision: Was wird wann gebraucht? Was brauchen wir jetzt und was vielleicht in 10 Jahren? Wie können wir in unseren Entwürfen flexibel bleiben? Was müssen wir unbedingt mitnehmen? Wie kann sich meine Insel eigenständig fortbewegen?
Tische werden aus dem Klassenzimmer geholt, zu einer langen Tafel gereiht und mit Packpapier ausgelegt. Das Tischende ist tabu: »Hier arbeitet niemand. Hier steht die Heißklebepistole …« Kristin bleibt sicherheitshalber in der Nähe. Rundherum erheben sich die phantastischsten Kleinst-Kontinente aus dem Wasser bzw. aus der Luft: Baran steckt zwei Schaschlikspieße in die braune Bodenplatte aus Pappe. »Das wird ein fliegendes Flugzeugschwimmbad … mit Betten auf den Tragflächen.« Und die Spieße? »Darauf werden noch zwei Sitze befestigt,« ein zugeschnittener Eierkarton liegt schon bereit, »dann hat man eine gute Sicht von oben und kann das Flugzeug steuern.« Was machen denn die Passagiere? »Na, die sind natürlich im Pool oder sonnen sich. Sitze hat das Flugzeug nämlich gar keine, stattdessen kann man eben schwimmen. Das ist viel besser beim Fliegen.« An den Längsseiten der braunen Pappinsel sind bereits die weißen Flugzeugträger aus Sandwichpappe angeklebt, dazwischen eine schmale Schachtel, mit blauem Papier ausgelegt: der Pool. Sogar einen Sprungturm gibt es. Vorsichtig werden die Klebepunkte für die bunten Liegen auf die Tragflächen gesetzt …
Nebenan entsteht – »Lollipopland!« Nansi hält ihr Modell in die Höhe. Ein Meer aus Wattebäuschen hat sich bereits über den Tisch ergossen. Drei, vier davon stecken auf Strohhalmen im gelben Kartoninselboden. Sind das Wolken? »Nicht einfach nur Wolken. Das sind Wolkenstädte! In jeder Wolkenstadt wohnt eine kleine Gesellschaft und sie haben einen Zeppelin, mit dem können sie sich gegenseitig besuchen. Die Planeten hier«, sie nimmt ein paar münzgroße Bälle aus rosa Knetmasse in die Hand, »sehen aus wie Lollipops, deswegen der Name.« Das Zeppelin ist eigentlich ein grüner Luftballon und bekommt eine besondere Haltestelle über den Wolkenstädten: »Das hat aber keine Kabine. Wenn man mit dem Zeppelin verreisen will, muss man unten ins Wolkenbad steigen.« Ein Joghurtbecher, mit Wattewolken gefüllt, verspricht eine angenehme Fahrt.
»Fertig!« Latifa setzt die letzte Streichholzschachtel auf ihre rote Strohhalm-Insel. »Da kommt noch ein bisschen bunter Stoff rein, damit sie wie gemütliche Liegen aussehen. Und dann muss ich mir dazu noch eine Geschichte ausdenken.« Denn wer fertig ist, wird von Leander interviewt: Was für Besonderheiten hat die Insel? Wer lebt hier? Wie bewegt sie sich fort? »Das dauert bei mir aber noch.« Die blaue Riesenrutsche auf Ikrams Spielplatzinsel will noch nicht so recht halten. »Ich versuch’s noch mal mit der Heißklebepistole.« Das Klettergerüst aus bunten Strohhalmen steht immerhin schon. »Und es fehlt noch der automatische Sandkasten.« Was kann der denn automatisch? »Weiß ich auch noch nicht so genau …Vielleicht Sand nachfüllen oder automatisch Sandburgen bauen. Das muss ich mir noch überlegen.«
Nach gut anderthalb Stunden ist der schwarze Hallenboden übersät mit zerschnittenen Strohhalmen, bunten Papierfetzen, Draht- und Holzstücken … So richtig Lust zum Aufräumen hat natürlich keiner. Armin schiebt die Schnipsel mit der Schuhspitze hin und her: »Vielleicht hole ich doch besser mal den großen Besen …«