Wie es der Zufall will, fällt das erste Reise-Try Out auf den Tag des S-Bahn-Streiks. Der wiederum wurde immerhin tagelang so öffentlichkeitswirksam angekündigt, dass zumindest jede_r wußte: Eine Fahrt durch’s Rhein-Main-Gebiet wird heute kein Spaß, und sowieso sollte man vielleicht besser gleich laufen. Obwohl also die Teilnehmer_innen für den ersten Stadtteilbesuch im Frankfurter Westen aus ganz verschiedenen Himmelsrichtungen starten, kommen kurioserweise alle mit derselben verspäteten Bahn in Frankfurt Höchst an. Es läuft also … erstmal. Bis sich nach einigen hundert Metern gemeinsamer Wanderung herausstellt, dass niemand so ganz genau weiß, wo der Ort des Geschehens, die Kunsthalle Ludwig, überhaupt ist. Kollektives Google-Mapping bedeutet schließlich: Wir sind hier ziemlich falsch und außerdem eh schon fast zu spät und sollten uns jetzt besser mal richtig beeilen. Unter Corbinians unermüdlichen »Schneller, schneller!«-Zurufen erreichen wir dann doch unerwartet zügig den unscheinbaren Eingang zur Galerie: drinnen ein L-förmiger hoher weißer Raum mit dunklem Holzboden, eine schmale Treppe führt zu einer Empore, bodentiefe Sprossenfenster, trübes Dezemberwetter und Neonlicht. Uns erwartet ein perfekt organisiertes Willkommensteam aus Hostato-Schüler_innen, die zuvorkommend Jacken abnehmen, die Garderobe betreuen und wie Yasemin und Ikram kleine ›Schön, dass du da bist‹-Proviantbeutel an die Ankommenden verteilen. Zu Besuch sind heute die Schule am Ried (Schauplatz Ost) und die Ernst-Reuter-Schule (Schauplatz Nord). Eine kurze Begrüßung durch die Gastgeber_innen, dann wird erstmal das eigene Namensschild genauer untersucht, denn die farbigen Klebepunkte verraten, zu welchem der drei Forschungslabore es nun geht: ›rot‹ bedeutet das Fundlabor bei Kristin, ›grün‹ das Rhythmusexperiment bei Alex und ›blau‹ die Schreibwerkstatt bei Corbinian.
Kristin hat ihren Untersuchungsraum auf der Empore eingerichtet und bereits dutzende Materialkisten auf dem Tisch an der Wand gestapelt. Zur Vorbereitung hatten alle Teilnehmer_innen bereits Tage zuvor die Aufgabe erhalten, draußen in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung nach kleinen Objekten Ausschau zu halten – nach Vergessenem, Weggeworfenem oder Verlorenem. Gewissermaßen als Eintrittskarte sollten Gegenstand und dazugehörige Skizze mitgebracht werden, denn der Schauplatz West betreibt ein Objektarchiv, das seit Projektbeginn vor über einem Jahr stetig weitergeführt und erweitert wird. Welche Alltagsüberbleibsel finden sich in den verschiedenen Stadtteilen? Welche Geschichten erzählen sie? Was sagen sie uns über die Menschen, die hier leben? Jetzt geht es in der Gruppe an die genaue Untersuchung der unterschiedlichen Fundsachen: Aus welchem Material besteht dein Gegenstand? Ist er noch zu gebrauchen? Wie ist er beschaffen (Form, Größe, Gewicht, Farbe, Textur)? Was war seine ursprüngliche Funktion? Kristin deutet auf die große Kiste mit entsprechendem Laborwerkzeug: Zollstock, Feinwaage, genormte Farbskala (»Schwarz ist nämlich nicht gleich schwarz.«), feines Papier zum Abpausen der Oberfläche, Knetmasse für einen Abdruck.

Hakim hat ein U-förmiges Metallstück dabei, das er zwischen Bank und Mülltonne an der Ernst-Reuter-Schule gefunden hat, vermutlich einmal der Bügel eines Fahrradschlosses. Seine Karteikarte bekommt die ersten Eintragungen: wenige Gramm leicht, glatte, harte Textur. Farbe, Funktion und Abdruck fehlen noch. Auf einer großen Stadtkarte werden anschließend die einzelnen Fundorte mit Klebepunkten markiert und spannen mit der Zeit ein dichtes Netz an archivierten Alltagsgegenständen quer zwischenden einzelnen Stadtteilen.

Über die kleine Treppe geht es hinunter zu Alex und seinem Musik-Labor: Über MP3-Player und Kopfhörer erhalten die Teilnehmer_innen gerade unterschiedliche Aufgaben. Zunächst gilt es, ein simples Geräusch, eine Bewegung oder einen Rhythmus mithilfe des eigenen Körpers zu produzieren. Wem das erfolgreich gelingt, gelangt in das nächsthöhere Level – es wird spannend, denn mit jedem Level steigt der Schwierigkeitsgrad der Anweisungen. Gegen Ende braucht es maximale Konzentration und eine gute Feinmotorik, um die komplexen Abfolgen in der Gruppe umzusetzen.

Gleich um die Ecke hat sich Corbinian mit seinem Forschertrupp zusammengefunden: Papier und Stifte liegen bereit – und ein Sammelsurium an abenteuerlichen Gefährten, gebastelt aus den verschiedensten Materialien von Strohhalmen über Sandwichpappe bis hin zu Luftballons, füllt die gesamte Tischbreite. Alles Modelle, die die Gäste der Ernst-Reuter-Schule mitgebracht haben. Ziel ist es, nicht nur miteinander in Kommunikation zu gehen, sondern auch in der künstlerischen Arbeit aufeinander Bezug zu nehmen, Ideen und Ansätze der anderen weiterzudenken und aus der eigenen Perspektive oder in einem anderen Medium weiterzuführen. Auf einem Zettelabschnitt findet sich die Aufgabe: Vor dir liegen kleine Modelle von Gefährten. Entscheide dich für eins, das dir am besten gefällt. Stell dir vor: Du bist mit deinem Gefährt unterwegs, da kommt ein schlimmer Sturm auf. Du verlierst erst die Orientierung, dann das Bewusstsein. Dein Gefährt wird hin und her geschleudert, durch Raum und Zeit. Als du wieder aufwachst, schwimmt dein Gefährt in einem Hafen.Beschreibe in einer kurzen Geschichte oder Szene, was passiert, wenn du an Land gehst! Zum Beispiel: Wo befindet sich der Hafen (Ort/Zeit) – wen triffst du da – was geschieht?

Neben mir ein halbfertiger Text, der noch schnell einen Schluss braucht, bevor das erste Reise-Try Out mit einem gemeinsamen Essen an der langen Tafel, mit Blumen, Konfetti und Pizza zu Ende geht: Als ich angekommen bin, habe ich Schlangen und Tarantulas gesehen. Es sah so aus wie ein Dschungel. Es war sehr groß. Mein Gefährt ging nicht mehr und war sehr kaputt. Es war auch dunkel, vielleicht so 22 Uhr. Es ist sehr gruselig. Und die Bäume sind so ca. 20 Meter. Es gab auch ein paar Palmen und so viele Beeren mit ganz vielen verschiedenen Farben. Ein paar von den Bäumen hatten Gesichter. Und dann kam plötzlich wieder ein Sturm. Ich suchte mir schnell einen sicheren Ort und schlief ein …