Corbinian Deller ist Schauspieler, Performer und Regisseur. Er arbeitet im Team NORD mit drei sehr unterschiedlichen Schüler_innen-Gruppen. Nach zwei Spielzeiten ALL OUR FUTURES blickt er auf wachsendes Vertrauen, künstlerische Forschung, forschende Kunst. Und auf glamouröse Auftritte.

Corbinian, in Deiner eigenen Arbeit interessieren dich die klassischen Grenzen von Theater, Performance und anderen Kunstformen weniger, wie du sagst. Wie kommt diese Vorstellung bei den ALL OUR FUTURES an?

Es ist definitiv ein wechselseitiger Prozess, ein Austausch über die eigenen Vorstellungen und Grenzen. Mit den Gymnasiast_innen beispielsweise haben wir uns eine Weile mit Aktionskunst beziehungsweise Interventionen im öffentlichen Raum auseinandergesetzt. Oder nochmals anders gesagt: Schnittstellen von Theater/Performance und Medienkunst. In dem Bereich habe ich auch schon gearbeitet, das interessiert mich sehr. Da habe ich ihnen schon mal ein paar Sachen von Schlingensief mitgebracht, um zu zeigen: Es geht hier nicht nur um Romeo & Julia.

Es gibt natürlich immer Reibung, weil es nicht unbedingt das ist, was die Schüler_innen kennen. Und was sie ursprünglich auch wollen. Gerade das finde ich aber hochinteressant. Neulich haben wir noch einmal nachgefragt: Was möchtet ihr denn jetzt machen, was ausprobieren? Plötzlich sagten viele »Ah, Aktionskunst, da hätten wir Lust drauf« – oder: Kunst auf Facebook und Instagram. Wie kann man da intervenieren und Medienkunst machen? Das finde ich schon eine sehr spannende Fragestellung, die von den Schüler_innen selbst ausgegangen ist – die so aber vielleicht niemals aufgekommen wäre, wenn wir uns nicht mit den erweiterten Theater- und Kunstformen beschäftigt hätten.

Euer Team NORD arbeitet in einem Stadtteil mit den vielleicht unterschiedlichsten Gruppen...

Da ist wirklich etwas dran. Wir arbeiten mit einer Förderschule, einem Gymnasium und mit jüngeren Schüler_innen einer integrierten Gesamtschule. Da kann es heftig sein, von der einen auf die andere Gruppe umzuschalten.  Denn jede Gruppe hat ihre eigenen Themen. Man muss alles sehr anpassen an die Interessen und auch Kompetenzen.

So unterschiedlich die drei sind – könntest Du trotzdem ein kleines Zwischenfazit für uns fällen? Oder vielleicht dann eher: drei Fazite?

Wie Du schon richtig gesagt hast, ist jede Gruppe enorm eigen in ihren Anforderungen. Und in der Art und Weise, wie man zusammenarbeitet. Aber jede einzelne bringt mir etwas ganz spezifisches: Mit den Förderschüler_innen beispielsweise war es richtig anstrengend zu Beginn. Gleichzeitig haben wir in diesen anderthalb Jahren wahnsinnig viel erreicht – da ist eine tolle Vertrauensbasis entstanden. Inzwischen können wir sehr gut zusammen arbeiten. Konzentration, Durchhaltevermögen, Dranbleiben – all das ist heute viel ausgeprägter als noch vor anderthalb Jahren. Was ich sehr schätze: Es ist ein sehr ehrlicher Umgang miteinander, manchmal vielleicht sogar zu ehrlich (lacht). Die Schülerinnen und Schüler haben eine tolle Energie. Es ist natürlich immer noch ein Kampf manchmal – aber beim großen Try-Out im Februar, da hatte ich den Eindruck: Jetzt ist ein Knoten geplatzt! Swetoslav hatte einen großen Auftritt: Das war wirklich grandios. Glamouröser Auftritt. Die ersten Ängste, auf der Bühne zu stehen, hat die Gruppe hinter sich gebracht. Aber es muss gut geprobt sein. Manche brauchen vielleicht mehr Zeit, eine andere Taktung.

Es braucht aber ganz allgemein wahnsinnig Zeit mit Kindern zu arbeiten, auch mit Jugendlichen. Die Gymnasiast_innen haben auch eine interessante Entwicklung durchgemacht, in einer ganz anderen Richtung: Was soll Kunst überhaupt, was können wir da lernen? Was bringt mir das in zehn Jahren? Das war zu Beginn eine ganz andere Perspektive, absolut leistungsorientiert. Da herrschte meiner Meinung doch eine limitierte Auffassung von Kunst, Kultur, Theater. Und eine sehr vorsichtige Haltung: Erst einmal abwarten, was von mir erwartet wird, das produziere ich dann. Heute können wir viel mehr out-of-the-box arbeiten, neue Wege suchen. Im Februar hat die Gruppe ein immersives Theater etabliert, eine Art Sekte, in der du als Zuschauer eine Wandlung beziehungsweise Transformation durchmachen konntest. Unter dem Motto »Dein Weg gegen die Selbstoptimierung« gab es absurde Rituale, an deren Schluss man dann befreit war von Optimierungszwängen, in Richtung Selbstliebe. Aktuell arbeiten wir an einem Chor, der sich auf selbstironische und komödiantische Art mit den Themenfeldern Klimawandel, Konsum und dem eigenem Verhalten auseinandersetzt. Ganz allgemein könnte man sagen: Ihr großes Thema war immer die Beteiligung. Vorzukommen. Sie produzieren auch alle Texte selbst. Aktuell wird darüber nachgedacht, wie denn ein Planet B aussehen könnte…[Anmerkung: einen Eindruck hiervon gab’s bereits für die Zuschauer_innen des Gesamt-Try-Outs am 15. Mai im Bockenheimer Depot].

Die Jüngsten sind noch sehr verspielt. Und sie bringen mich sehr oft zum Lachen, weil sie einfach wahnsinnig fantasievoll sind und lustige Ideen haben. Ihr großes Thema ist das Forschen. Als sie beim Schulhausmeister ganz viele Porzellanfiguren gefunden hatten, kamen sie auf die Idee, dass das Überbleibsel einer Kultur sind, bei der sich Tote in Porzellan verwandeln: Die Porzellaniden. Daraus wurde dann eine Performance mit Fachvortrag, und währenddessen wurde das Porzellan gespült. Wirklich schräg. Das ist absolut ihre Qualität: Diese lebendige, manchmal auch versponnene Fantasie. Inzwischen werden sie natürlich langsam älter, erste Anzeichen spürt man schon: Es ist eine sehr diverse Gruppe, sehr lebendig und teilweise auch sehr unruhig (lacht).

Als du vor fast zwei Spielzeiten begonnen hast: Welche Erwartungen hattest du an das Projekt – und was ist komplett anders gekommen als gedacht?

Also, ich hatte noch nie mit einer Förderschule zusammengearbeitet, zum Beispiel. Da bin ich schon am Anfang auch an meine eigenen Grenzen gestoßen. Aber dann, natürlich, lernt man auch eine ganze Menge. Die Klasse hat eine tolle Lehrerin, die mich beziehungsweise uns bei diesem Prozess sehr unterstützt hat. Aber es hat Zeit gebraucht, beiderseitiges Vertrauen aufzubauen. Ansonsten, klar: Jedes Projekt hat andere Voraussetzungen.  Man muss immer wieder neu denken, umdenken. Und natürlich könnte man auch ganz viel über Schwierigkeiten sprechen. Aber was wir bis jetzt geschafft haben, zeigt mir: Wenn Zeit da ist, dann können hier Ergebnisse herauskommen, die tatsächlich auch künstlerisch sehr interessant sind.

Was erwartest Du in diesem Sinne vom letzten ALL OUR FUTURES-Jahr, was wünscht Du dir?

Wow, das ist echt eine schwierige Frage. Wir haben schon Pläne, wo wir hinwollen. Gleichzeitig müssen wir als Künstler_innen immer reagieren auf das, was kommt. Ich würde mich freuen, wenn wir zum Beispiel mit den Gymnasiasten weiter in eine zeitgenössische Richtung gehen könnten – wenn wir da Zeit und Gelegenheit finden, wenn sich alle trauen, ihre Verrücktheiten loszulassen. Und für unsere Förderschüler_innen würde ich meinen Wunsch so formulieren: Mehr selbstbewusstseinspushende Aufführungen – dass sie sich so stark fühlen, wie sie sein können.

Vielen Dank für das Gespräch!