Wer sind eigentlich die einzelnen Menschen und Persönlichkeiten, die über drei Jahre gemeinsam Ideen und Visionen für das Stadtprojekt »All Our Futures« entwickeln? Um dieser Frage auch hier auf dem Blog nachzugehen, stellen wir Euch in regelmäßigen Abständen die teilnehmenden Schüler_innen und Künstler_innen vor. Den Anfang macht Britta Schönbrunn, die als Tänzerin das Team am Schauplatz WEST unterstützt.

Bitte stell Dich doch kurz vor.
Ich heiße Britta Schönbrunn und lebe seit dreieinhalb Jahren in Frankfurt am Main – davor über 20 Jahre in Berlin und Brandenburg. Dort habe ich mich auf dem Land vor allem in kulturellen und sozialen Projekten engagiert und das Format LILASTUNDE gegründet, das Qualitäten aus Yoga, Tanz und Performance verbindet. In Berlin wurde ich außerdem bis 2006 zur Diplom-Yogalehrerin ausgebildet; seither unterrichte ich unterschiedliche Zielgruppen. Momentan liegt mein Fokus bei den Studierenden im Bereich Darstellende Kunst. Ziel in meinem Unterricht ist, das kreative und physische Potential freizusetzen und ein klares Gespür für den Körper, seine Präsenz durch Bewegung, zu geben. Hier in Frankfurt habe ich 2017 das Studium Master of Arts in zeitgenössischer Tanzvermittlung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) absolviert. Meine eigentliche Tanzausbildung begann allerdings viel früher: Seit ca. 1993 arbeite ich als freischaffende Tänzerin, als Choreographin aber auch als Performerin, vor allem in interdisziplinären Projekten. Meine Performances zeichnen die Schnittstellen von Klang und Bewegung, das Einbeziehen von ortsspezifischen Koordinaten, dem Theater-, dem öffentlichen oder dem sakralen Raum aus. Viele meiner Arbeiten zeigte ich im Austausch zwischen den USA (New York), Japan (Tokyo) und Europa (Frankreich, Russland,Tschechische Republik). Wegweisende Impulse für meinen künstlerischen Ansatz waren also vor allem längere Auslandsaufenthalte: Ich war in Japan, lernte bei Kazuo Ohno »Butoh« (ein Tanztheater ohne feste Form) kennen und verbrachte zwei Jahre in New York. Dort hatte ich die Gelegenheit, über ein Stipendium bei Merce Cunningham, einem Vordenker und Choreografen des zeitgenössischen Tanzes, Methoden in Movement Research, in Release Technik und Contact Improvisation kennenzulernen. Besonderen Einfluss auf mich hatte die Bewegungsforscherin Nancy Topf, die bekannt war für ihren minimalistischen, aber sehr körperlichen Tanzstil, der oft geometrische Muster einbezog.

Was begeistert Dich an der Kunstform »Tanz«? Warum ist das Tanzen Deine »Sprache«?
Ich hatte schon sehr früh als Kind einen starken Bewegungsimpuls und »tanzte«, drehte mich, hüpfte und sprang und wirbelte mich selbst umher, das machte mir Freude. Niemand hinderte mich daran … Ich entschied mich zu tanzen – und tanzen umfasst für mich das gesamte Wesen. Ich denke, dass der Tanz einem gewissen archaischen oder einem uns Menschen innewohnenden Bedürfnis nahekommt, sich in Bewegung und Rhythmus zu verlieren, und darin gleichzeitig eine Quelle der Kraft zu finden. Andere Zustände können erlebt werden. Die Techniken und Stilformen, die in einer Tanzausbildung gelernt und trainiert werden, bieten einerseits Möglichkeiten, den Körper differenziert und kontrolliert zu bewegen und zu artikulieren, andererseits schränken sie die »Sprache« ein, indem man konditioniert wird. Für mich geht es im Tanz immer wieder darum,sich spielerisch auf einen Prozess von Erforschen, Finden und Entdecken einzulassen, ebenso sich von den Konditionierungen zu lösen, also offen, spontan und wach zu sein und die eigenen Grenzen zu überwinden, wach und präsent zu sein. Das fühlt sich manchmal riskant an. Im Tanz ist die Ausdrucksform der Körper in Bewegung. Und der Körper ist ein unglaublich vielseitiges »Instrument«, darin bergen sich unzählige Möglichkeiten und Nuancen. Dieses Potential auszuschöpfen erfordert eine intensive Auseinandersetzung und die Bereitschaft sich darauf einzulassen, das reizt mich. Was ich in all meinen vielen Auslandsreisen stets erlebt habe, dass im Tanz die »Sprache« keine Barriere ist. Die Ausdrucksformist für mich sehr direkt, es bedarf einzig der Gegenwärtigkeit.

Wenn ich gerade nicht tanze, ...
... bin ich da für meine Kinder. Sie sind 16 und 12 Jahre alt und ich mache alles, was mit dem Familienleben verbunden ist.
… praktiziere ich Yoga, bereite meine Unterrichtsstunden vor, lese, höre Musik, meditiere, spaziere, bin in der Natur – das mag ich besonders!
… besteige ich Berge, reise (oft nach Brandenburg und Berlin), bin mit Freunden zusammen, tausche mich mit Kollegen aus und tanze dann meist doch wieder – aber: just for the joy and not the money!

Bei »All Our Futures« in einem interdisziplinären Künstler_innen-Team zu arbeiten, bedeutet für mich ...
... Austausch, Auseinandersetzung, Miteinander: sich verbinden, sich gegenseitig inspirieren, sich unterstützen und zusammenausprobieren.
... an einer Sache gemeinsam und unterschiedlich und doch miteinander denken, damit daraus etwas erwächst – eben auch etwas, was man sich vorher gar nicht vorstellen konnte.
… zuhören, offen sein, mal anders denken; andere Gedanken und Ansätze im Raum stehen lassen oder auch das eigene Denken immer wieder auf den Kopf stellen, lernen und Spaß haben.

Was macht für Dich das Besondere dieses Stadtprojektes aus? Was sind Deine Eindrücke nach dem ersten Jahr?
Besonders ist an dem Projekt die ZEIT, die Regelmäßigkeit und die Dauer: Während der Schulzeit wöchentlich wie im Regelunterricht zu arbeiten und das alles drei Jahre lang. Das ermöglicht nicht nur sich kennenzulernen, sondern auch, sich gemeinsam zu entwickeln und zu wachsen.
Besonders ist die VIELFALT – drei Schulen und ein Team, bzw. insgesamt ja 9 Schulen und 3 Teams, suchen und probieren für eine Zielsetzung. Zeitgleich ist der Anspruch da, für jede Klasse einen eigenen Ansatz und auch inhaltlich etwas Eigenes zu finden.
Besonders ist der AUSTAUSCH mit den anderen Schulen. Das REISEN – also genau der Punkt in unserem Entwicklungs- und Arbeitsprozess, an dem wir jetzt sind.
Besonders ist die ZIELSETZUNG, denn schlussendlich führt der ganze Prozess auf die große Bühne des Schauspiel Frankfurt!
Insgesamt war das erste Projektjahr für mich also auf vielen Ebenen ein Kennenlernen, ein Suchen und Probieren.

Ein richtig guter Moment war für mich als ...
... einige der Ludwig-Erhard-Schüler_innen beim großen Tryout im Bockenheimer Depot vergangenen Juni stärker präsent waren als erwartet, Verantwortung übernahmen und sich einbrachten.
... während den Proben in der Walter-Kolb-Schule magische Momente auftauchten. Die Schüler_innen waren plötzlich in einem performativen Zustand – man brauchte nichts mehr zu sagen und staunte einfach nur noch, was da gerade passiert.
… als die Hostato-Schüler_innen in der ersten Stunde nach den Ferien trotz aller Trauer über das Ferienende plötzlich alle mitmachten und offen und konzentriert bei der Sache waren.  

In einer der letzten Proben habt Ihr futuristische Inseln gebaut. Wie sähe Deine Insel aus, was kann sie und wie bewegt sie sich fort?
Meine Insel ist ein Naturparadies, mit Bäumen, Wiesen, Feldern und vielen Tieren und einer unermesslichen Weite. Die Menschen leben autark, die Häuser sind so gebaut, dass die Menschen sich begegnen: statt zum Beispiel einer Küche pro Wohnung gibt es für mehrere Wohnungen eine gemeinsame Küche, also einen Ort der Gemeinschaft. Es gibt weniger Trennlinien, die markieren, wo der öffentliche Raum endet und der private beginnt, also eine Offenheit. Es gibt viele Plätze, die einladen, sich zu begegnen und sich zu versammeln. Die Insel kann sich immer wieder neu erfinden: Sie ist wandelbar, entsprechend den Bedürfnissen ihrer Bewohner_innen. Die Insel kann schwimmen und leicht schweben. Wenn sie reist, ist immer alles da. Sie ist Gast und Gastgeber zur selben Zeit.  

Für Frankfurts Zukunft und seine Menschen wünsche ich mir/stelle ich mir vor …
Als ich nach Frankfurt kam und eine Wohnung suchte, schien es mir unmöglich, jemals eine zu finden, unabhängig von den absolut astronomischen Mietpreisen. Ich bin Mutter, alleinerziehend, damals werdende Studentin und freischaffende Künstlerin: Voraussetzungen also, die mich gefühlt an die unterste Stelle platzierten. Selbst mit Geldnachweisen, Stipendien etc. bekam ich nur Absagen. Was mich am meisten traf, waren Aussagen wie »Kinder sind unerwünscht«. Ich wünsche mir für Frankfurt, dass Menschen hier erwünscht sind, dass Kinder erwünscht sind und dass Voraussetzungen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ein Leben und ein Miteinander möglich und lebenswert machen. Ich wünsche mir eine schulische Bildung, die Lernen verbindet, Gemeinschaften wo man sich und seine Potentiale entfalten kann, seine eigene Kraft findet und sich dazugehörig fühlt. Außerdem Wohnraum mit Gemeinschaftsplätzen, Rückzugsorte, Spiel-Räume … und viel mehr Grünflächen, die genutzt und bespielt werden dürfen!

Ein Schlusswort?
Vertrauen! Mich für das einsetzen, was mir wichtig ist: handeln und verändern.