Betrachten wir das große Schauplatz-Tryout der Gruppen WEST einmal anti-chronologisch oder rückwärts, so beginnen wir mit einem echten Happy End: Brote belegen als performativer Akt (oder eher: als Performance in mehreren Akten), der von den Schüler_innen der Hostatoschule aufgeführt wurde und der, aus Fotografensicht, durchaus an eine barocke Tafelrunde erinnern konnte (der Tischlauf so lang, dass er schwerlich auf ein Bild zu bringen war). In so alltäglichen Abläufen wie Handschuhe anziehen, Gurken schneiden und Wurst drapieren lassen sich Darbietung und Authentisches von außen betrachtet nun kaum noch voneinander trennen. Gut möglich, dass ebenso viel Improvisation dabei ist. Ruhig und konzentriert geht es zu, wie bei einer echten Aufführung auf der Bühne. Doch ebenso gut einstudiert sind ja auch die Handlungen zwischen Küche und Wohnzimmer und erst recht in der Schule. Wie sich beide miteinander verschränken lassen und ob es da jeweils nur um die rechte Form geht? Oder um ganz etwas anderes?

Es folgt ein kurzes Zwischenspiel von Schülern der Ludwig-Erhard-Schule. Man könnte Bögen schlagen und Oberthemen suchen, oder man lässt es an dieser Stelle, weil sich nicht immer alles auf einen kleinsten Nenner bringen lassen muss, auch wenn die Verlockung groß ist, an so einem gemeinsamen Tryout mit denselben Künstler_innen-Teams und ihren höchst unterschiedlichen Gruppen. Die Ludwig-Erhard-Schüler in jedem Fall haben sich mit dem Thema Angst beschäftigt und geben an dieser Stelle einen Einblick in Szenarien, die sie zusammengetragen haben. Keinen Praktikumsplatz bekommen, zum Beispiel. Schlimmen Lehrern zu begegnen. Oder auch: »Dass wir unsere Mütter nicht ernähren können.« Klein oder nebensächlich klingt manches scheinbar an und wird dann schnell existenziell. Kurzum, wie es an anderer Stelle auf die Frage nach der Angst heißt: Alles, was mich als Menschen ausmacht.

Wo hier ausnahmsweise einmal alles schon vorweggenommen oder vorausgeschickt wird: Um existenzielle Fragen geht es dann auch beim ersten Beitrag an diesem Tag, der hier am Schluss steht, weil er aus dem Rückblick betrachtet womöglich genau die richtige Klammer für dieses große Treffen setzt. Die Gruppe der Walter-Kolb-Schule stellte weitere Zwischenergebnisse ihrer Erforschung vom Sicht- und Unsichtbarsein vor. Gut zehn Minuten lang wurde gar nicht gesprochen, stattdessen aber performt. Immer wieder setzt sich die Truppe in Bewegung, dann scheren Einzelne aus, machen einzelne Bewegungen, reihen sich wieder ein. Eine vorläufige Auflösung folgt: Sie haben sich, erklären die Schüler_innen, mit der Frage beschäftigt, wann man gerne sichtbar ist und wann lieber unsichtbar. Kann man in einer Gruppe privat sein? Eine Erkenntnis: Wenn alle synchron das Gleiche tun, wird man selbst erst einmal unsichtbar. Umso mehr aber fällt man gerade in der Gruppe auf, wenn ein Einzelner ausschert und etwas ganz anders macht als die anderen.

Die Fragerunde ist eröffnet. Jakob von der Ludwig-Erhard-Schule hakt kritisch nach: »Wie kamt ihr auf dieses Thema?« Entwaffnend ehrliche Antwort: »Das haben wir bekommen, ob wir es nun gut finden oder nicht.« Aber auch Themen, die man sich nicht selbst aussucht, können offenbar die Beschäftigung lohnen. Die Schüler_innen sind aber noch lange nicht fertigt: Nach dieser Einführung zeigen sie weitere Choreografien und Mikro-Performances, die sie in den letzten Wochen erarbeitet haben. Stolpern, stehen bleiben, umherlaufen. Und hier beginnt er dann vielleicht, der rote Faden vom Anfang dieses Textes, den man gar nicht gesucht hatte, der sich aber von diesem Moment bis zum Ende mit den einstudierten Alltagshandlungen zieht: Die Frage, wo Performance oder Aufführung beginnt und das, was man ohnehin immerzu tut und sieht, endet. Eigentlich werden hier ganz gewöhnliche Dinge gezeigt, aber irgendetwas ist anders. Warum? Die zuschauenden Schüler_innen versuchen es mit Antworten: »Weil die durch die Mitte des Raumes laufen.« In der Stadt, meint die Gruppe einhellig, »schaut man sich doch nicht die Leute an.« Hier aber ist man gezwungen, zu schauen. Wann haben die anderen gemerkt, dass sie es hier mit einer Aufführung zu tun haben? »Weil es als Gruppe gemacht wurde.« Diese Erkenntnis wird aber gleich schon wieder verworfen werden müssen. Egal. Zweiter Vorschlag: »Weil ich durch die Leute nicht durchgucken kann.« Auf der Straße gilt das aber doch genau so. Die Menschheit da draußen, meint Jakob, würde ihn auch gar nicht jucken. Da schaut man also trotzdem durch oder schaut einfach nicht so genau hin.



Auf dem Boden liegen ist peinlich/mutig/abnormal

Schon etwas merkwürdiger wird es offenbar für die meisten Zuschauer_innen, wenn jemand am Boden liegt. Das, da sind sich auch die einig, die fremde Menschen sonst nicht so jucken, fällt auf. »Peinlich!« befinden das einige, wenn jemand draußen auf dem Boden liegt. Oder gar: abnormal. Hier, in der Kunsthalle Ludwig, ist das offenbar ein ganz starker Indikator für eine Aufführung. Definitiv nichts, das man im öffentlichen Raum tun würde. Martina Droste, künstlerische Projektleitung, lässt nicht locker. Sie will wissen, was denn nun so komisch daran ist, wenn sich jemand auf den Boden legt. Es dauert ein bisschen, bis die ersten ihren eigenen Urteilen bereitwilliger auf den Grund gehen. Und dafür muss sich Droste selbst hinlegen und auf dem Rücken liegend mit den Schüler_innen diskutieren. Von hier aus fühlt sie sich ziemlich klein. »Alle laufen vorbei, können über dich drübertreten,« bestätigt Jakob. »Liegen ist so 'ne private Sache, das machst du höchstens zuhause oder bei Freunden. Aber nicht auf der Zeil.“ »Da ist was dran,« meint Droste. »Jetzt hab‘ ich keinen Schutz mehr. Ihr seid alle über mir.«

Ist das vielleicht also sogar mutig, sich einfach so hinzulegen? Kathrin von der Walter-Kolb-Schule geht hart mit den eigenen Mitschüler_innen ins Gericht. Das sei zwar eigentlich keine große Leistung, sich hinzulegen, meint sie. Aber in diesem Kontext eben schon. Auf den Boden legen kann also selbst als Performance in diesem kleinen Rahmen mutig sein. Vom öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Da sind die meisten Schüler_innen noch immer unerbittlich. Wann liegt man denn auf dem Boden? Vielleicht kann man dem Tabu doch noch auf die Schliche kommen. So langsam scheint sich da etwas anzudeuten. Wenn man arm ist, antwortet die Gruppe. Oder obdachlos. Krank. »Wenn man 'ne Störung hat.« Nach einer Schlägerei. Unfreiwillig also, auch in dieser Situation: Wenn einen ein Polizist auf den Boden schmeißt. »Ich geh‘ nicht auf den Boden!« ist sich Jakob sicher. Ein weiterer Grund fürs Bodenliegen liefert dann den Übergang zur zweiten Vorstellung des Tages: Wenn man Angst hat. 

Aber eben auch nicht nur. Es kommt, wie dieser Tag belegt, auf Kontext und Perspektive an. Das Bodenliegen, heißt es jedenfalls beim Aphorismen-Dichter Karl-Heinz Karius, hat auch sein optimistisches Potential: »Im Liegen kannst du nicht mehr stolpern.«