Kein alltäglicher Anblick: Ein Dutzend roter Tische und Bänke stehen direkt vor dem Eingang zum Schauspielhaus am Willy-Brandt-Platz. Brezeln, Käse, Brötchen und Saft – die Frühstücksgesellschaft hat sich schon zusammengefunden und die morgendliche Stärkung ist in vollem Gang. »Wir müssen noch schnell was essen bevor die Ausstellung gleich losgeht. Luis und ich erzählen dann auch was auf der Bühne.« Kristijan wartet mit seinem Teller in der Hand, aufgeregt ist er nicht: »Nee, mittlerweile ist das kein Problem mehr. Wir haben das beim letzten Try Out im Bockenheimer Depot ja auch gemacht und da waren noch viel mehr Leute.« Während die Künstlerteams zusammen mit der Technik-Crew drinnen noch an den letzten Feinheiten feilen, sammeln sich jetzt um kurz vor elf die ersten Interessierten vor den gläsernen Flügeltüren zum Foyer.

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(Hostatoschule, Frankfurt Höchst)
Geplant ist eine Vernissage, die schlaglichtartige Einblicke in den Komplex aus vielen unterschiedlichen Prozessen des ersten Jahres ermöglicht und die vor allem aktuelle Arbeitsstände in ihrer Diversität und medialen Verschiedenheit sowie in ihren je eigenen ästhetischen Sprachen und künstlerischen Auseinandersetzungen erfahrbar macht. Das erste Jahr hat unter dem Titel ›Die Welten‹ mit der künstlerischen Erforschung der sich überlagernden Welten begonnen, hat das Eintauchen in Lebenswirklichkeiten gewagt, in Gegenwartsverhältnisse und Gemeinschaftskonstrukte und sich an jedem der drei Schauplätze im Frankfurter Norden, Osten und Westen gefragt: Was macht die spezifische Historizität, Demografie und Kultur der einzelnen Stadtteile aus und wer sind wir, die Menschen, die hier leben?
Die Türen öffnen sich: Endlich geht es los und die Stufen in der neongrünen BOX des Foyers sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Intendant Anselm Weber weiß, dass ein solcher Prozess, wie ihn das Stadtprojekt anstößt, nicht immer einfach ist: »Bleibt aber dran! Es wird sich lohnen. Uns geht es darum, in die Stadt zu gehen, diese Stadt mit Phantasie zu durchziehen und auf ganz unterschiedliche Weise für Vernetzung zu sorgen.« – »Drei Jahre haben wir Zeit für die Entwicklung des Projekts«, ergänzen Martina Droste und Alexander Leiffheidt als Künstlerische Leitung: »und es ist schon eine Besonderheit, diese Jahre mit denselben jungen Menschen, also gut 170 Schüler_innen (Tendenz steigend), zu gestalten. ›All Our Futures‹ versteht sich als Plattform, verschiedenste Zukünfte zu verhandeln und mit den Mitteln der Künste als Ausdruck von persönlichen Hoffnungen, Ängsten oder Wünschen hörbar, sichtbar und fühlbar zu machen.« Das zweite Jahr führt nach der Sommerpause unter dem Titel ›Die Reisen‹ die inhaltliche Arbeit fort und gerät zudem in Bewegung: Die drei Schauplätze werden ihre eigenen Welten verlassen, sich besuchen und dabei gegenseitig fragen: Wo begegnen wir uns in diesem Stadtraum eigentlich und wo eben auch nicht?
… aber jetzt mal ehrlich, wer hat denn zu bestimmen, was eine ›anständige Frau‹ ist?!? Ich persönlich habe es satt, gesagt zu bekommen, was ich zu tun oder zu lassen habe, doch seit einigen Jahren hat sich unsere Welt geändert und zwar Schritt für Schritt. Frauen stehen immer mehr im Mittelpunkt, werden zu Legenden und vertreten Jobs, die normalerweise nur Männer taten. Dafür gibt es einen guten Grund. Die Frauen haben viel darum gekämpft, aber es kommt alles ins Rollen durch die 3 Frauen, die Atlas, den Hüter der Welt, stürzen und ihn mit dem Knochen des Gottes töten. Sie eignen sich endlich die Welt an, die ihnen zusteht.
(Gesellschaftliches Hintergrundwissen zur Atlasperformance, Gymnasium Riedberg)
Im Oberen Foyer liegen mittlerweile schon die mannshohen Holzsechsecke bereit, die mit Kabelbindern von Schüler_innen und dem Publikum zu einer futuristischen Kuppelskulptur zusammengefügt werden: ›Ohne Titel. Struktur 1‹ heißt diese Arbeit und entlässt die Gäste auf die verschiedenen Foyerebenen, die allesamt ihre Antworten geben auf die Fragen: Wer sind wir? Wo sind wir? Ob Fotos und Geschichten von besonderen Orten, ein Objektarchiv aus gesammelten Alltagsgegenständen, alternative Stadtpläne, bunte Liniennetze, die sich im Erdgeschoss erstrecken oder Soundarchiv und Videoschnipsel, die den Schulhof in ein Areal der Phantastik verwandeln: Alle Arbeiten zeichnen einen unverwechselbaren Eindruck der verschiedenen Welten nach, die ein Jahr lang intensiv erforscht und über die Sprachen der Kunst mitteilbar geworden sind.
Ich komme rein
Meine Klasse ist laut und
Lächelt mich an
Das streiten wir ab
Am Ende sind wir alle
Spielerisch und stark
(Johann-Hinrich-Wichern-Schule, Eschersheim)