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Stockmanns Appendix

Ahoi und herzlich willkommen zur Schließung einer schon viel zu lange klaffenden spirituellen Lücke:
Was früher die katholische Andacht war – heute ist es das dem Erscheinen des neuen Beitrags zu Stockmanns Appendix entgegenfiebernde Monitorgestarre.

A new breed of spirituality is about to rise. Und Sie sind mittendrin!

Hier im auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Internet erscheint künftig und fortlaufend in regelmäßigen Abständen Stockmanns Appendix.

Für ihn schreibt Hausautor Nis-Momme Stockmann kleine Szenen, Prosa, Gedichte, Essays, Kommentare zur Wirklichkeit, literarische Restaurantkritiken, Rezensionen von Sozialämtern, Auszüge aus seiner momentanen Arbeit, seinem momentanen Leben, und natürlich über die wunderschöne Hauptstadt Deutschlands – Frankfurt und sein Theater –

kurzum über alles und unter Zuhilfenahme von allem, für wirklich jeden:
Stockmanns Appendix.

 

15.03.10
33
21. und 22. März In der Box des Schauspiel Frankfurt

Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins from Herkules Manhattan on Vimeo.

08.03.10
32
Dossier zur Prognose


Man steckt irgendwie dauernd im Hier und Jetzt und kann da irgendwie überhaupt nichts gegen unternehmen.
Selbst wenn einem die Klimaxlosigkeit des eigenen Daseins und unsere großstädtisch invalidisierten Gemüter noch so gewitzt vorgaukeln, es wäre möglich, in der Flucht vor dem drögen »Hier und Jetzt« ein erkopftes Leben in der tolleren Vergangenheit oder in einer tolleren Zukunft zu führen, muss das doch immer an der Modellartigkeit der Begriffe scheitern.
Denn: Zukunft und Vergangenheit sind das, was durch den glasigen Blick eines plötzlich mit einem kaffee-matschigen Keks dasitzenden Kaffeehausbesuchers fließt.
Vollgedröhnt mit jener Droge, die man sich am liebsten spritzt, wenn der Regen leise an ein Fenster klopft, findet er dann wie jeder Junkie mit dem Dolch plötzlicher Nüchternheit heraus, dass er gerade da ist, wo er ist. »Ach Scheiße« oder »Seufz« – selten mal: »Ach, war das schon schön damals am See«, durchechot es den Kopf.
Das Erwachen findet ganz entzaubernd in der Gegenwart statt. Sowieso: Alles was entzaubert ist gegenwärtig. Man kann sich, glaube ich, nicht von Futur oder Perfekt entzaubern lassen. Vielleicht ist das sogar eine ganz gute Definition für die Gegenwart: Das, wo die Entzauberung stattfindet.
Ich finde diesen konstruktivistischen Gedanken eigentlich ganz schön. Irgendwie versöhnlich, dass Zukunft und Vergangenheit lediglich Einbildung eines Gehirns sind, dass im Laufe einer extrem hurtigen Evolution einen Haufen Energy für diese oder jene überflüssige Funktion entwickelt hat.
Aber nur weil Modell, noch lange nicht unfunktional:
Wenn das Wissen von einer Zukunft völlig unbrauchbar wäre, dann existierte ja auch die Vorausschaubarkeit nicht: Ein schönes Gegenbeispiel also dieser kluge Satz: »Im Märzen soll der Bauer im Feld rumstärzen.«
Solcherlei Zukunftswissen beruht auf kausaler Beobachtung und ist wie jede klug angestellte Prognose einigermaßen vage, um den Zukunftsprognostiker möglichst nicht bloßzustellen – denn sein Job ist einer der härtestesten, ihm hockt das fette Monster »Bloßgestelltsein« immer krötig auf der Schwelle.
Tolle Prognosen wie: »Im Mai heißt der Bauer Kai«, hört man leider kaum, denn es wäre total doof, so zu prognostiezieren. Das bringt den Prognostiker in Gefahr!
Die Zukunftskunde beruht darauf, Erfahrung mit Vorhersage zu verbinden. Eigentlich eine unprätentiöse Wissenschaft, weil folgende Formel: Erfahrung equals Prognose. 
        Wie erfrischend da die Prognose prognosenvirtuoser Sektenführer: »Am Donnerstag seid ihr alle tot, wegen Komet«. Da schlummert für mich die echte Prognostikeravantgarde (auch, wenn von den führenden Prognostikern verschmäht) – die auch mal forsche Alternativen zulässt.
Wie groß wäre die Freude über Abwechslung durch folgende Prognose: Werde heute auf dem Weg zur Arbeit auf völlig unerwartetem Glatteis ausgleiten und in der unromantischsten Gegend dafür – Hermannstr. Neukölln – von einer S-Bahn überrollt. Letzter Gedanke: »Scheiße, und ich wollte doch einen offenen Sarg, in den die Menschen Blumen legen können.«
Wie groß die Freude heil anzukommen, wie weit geringer die Enttäuschung, tatsächlich den kalten Stahl der Bahn den Schädel bersten lassen zu spüren.
Life-enjoyment-maximizing durch simples Prognosen-bending.
Danke Reflexions-abilities.


 

04.03.10
31

Neues aus der freien Marktwirtschaft:
Sodokulösender Mann: »... ergibt 8 – Scheiße! Die Wahrheit würde Traute so unglaublich unglaublich traurig machen. Noch zwei Monate, dann bring ich uns beide um«
 

03.03.10
30
Zum ersten Mal am 21. und 22. März in der Box des Schauspiel Frankfurt 

Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins from Herkules Manhattan on Vimeo.

01.03.10
29

Deutschlands Grafitti - Heute: Berlin Neukölln

23.02.10
28

Deutschlands Grafitti - Heute: Magdeburg

16.02.10
27

Deutschlands Grafitti - Heute: Berlin

15.02.10
26

Deutschlands Grafitti - Heute: Flensburg
 

11.02.10
25
Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins
Zum ersten Mal am 21. und 22. März in der Box des Schauspiel Frankfurt


»Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins« vereint zum ersten Mal in der Geschichte das menschliche Gesamtwissen – auf das Nötige reduziert - in einem ganzheitlichen Nachschlagewerk.

Ein Lexikon der Superlative!
Hurra: Alles ist erfasst, kartographiert, befühlt, begriffen und kategorisiert.
10.000 Jahre Kulturgeschichte / 10 Milliarden Jahre Universum – seefachmännisch verknotet in einem Raum!

Keine offenen Fragen!
Nie wieder Überraschungen!
Danke Herkules Manhattan.

Eine Woche recherchiert »Herkules Manhattan« schonungslos am Thema.
Die Ergebnisse werden im gemeinsamen Seminar vorgestellt.
Seien Sie dabei, gestalten Sie mit – wenn wissenschaftstheoretische Geschichte geschrieben wird.

Ein ungezwungener Literatursalon, mit Musik, Showkram, Talk, Literatur, warmer Küche und Getränken.
Ein Wohnzimmer-Kuschel-Krimskrams-und-Klimbim-Format mit viel Improvisation und Varieté / Latenight / Chaos – alles in gemütlicher und ungezwungener Freibad- / Swingerclub-Atmosphäre – kuschelig / schwitzig.

Für die Zerstreuung:
Menschen / Tiere / Sensationen.

Warum irgendwas lernen – lieber selber Wissen machen.
In der geschmackvoll eingerichteten Wissensmanufaktur von Herkules Manhattan.

Betreten wir gemeinsam den bezaubernden Prunksaal intellektueller Auseinandersetzung.
Bemerken Sie bitte die entzückende Einrichtung mit echtem Tropenholz-Diskursen.

Kommen Sie, wir reiten gemeinsam aus zur Jagd.
Geben den Theoriepferden die Hypothesensporen und erlegen einen dekadenten Haufen Ideenfüchse.

Das Methodik-Morphium wird gereicht.
Yeehaw – wir schießen auf alles was sich bewegt.

Hier, im Abseits des Landsitzes merkt niemand etwas, wenn ein Paradigmen-Bediensteter oder zwei »verschwinden«.

Tod – Fäulnis – Verzweiflung – unbeschreiblich schreckliche Kolonialisierungsverbrechen:
Dafür – und noch viel mehr – verbürgt sich »Herkules Manhattans holistischem Kompendium des modernen Seins«.

Seien sie dabei.

*Kapitel 1 – Der Körper*


Herkules Manhattan sind:

Christian Prasno
Yassu Yabara
Les Trucs (Charlotte Simon und Zink Tonsur)
Nis-Momme Stockmann

 

Titelmelodie Herkules Manhattans Holistisches Kompendium des modernen Seins


 

09.02.10
24

Deutschlands Graffiti - Heute: Heidelberg

02.02.10
23
Vita

Nis-Momme Stockmann
Geb. 1917
In Gorningbrumpf, bei Vogelgorpflingen, Litauen.

1939-45
Studium der Eklektik, Danzig.

1946
»Sag wenn sie fortgehen leise Adé«, Roman, und
»Zu dem Wunsch des Vaters kann nur entschieden nein gesagt werden«, Roman, entstehen.

1947
Lustwandelbegleitung am Hofe des Zaren von Griechenland.
Das Epos »Geh weg wenn dir danach ist aber mein Herz lass hier«, entsteht.

1950-1987 Arbeitslos.

Februar 1987
Gründung der Gorningbrumpfer Vogelfreunde e.V. Verein zur Zählung und Sichtung einheimischer Fauna. Heidschnucken, Bienenschwärme, Bären und ähnliches Gekreuch werden auf der Straße und auch auf Fahrradwegen beobachtet. Hinterher wird darüber gesprochen und es gibt Tee und Brote mit Marmelade oder Cervelatwurst.

1988 Einschneidendes Erlebnis
Fund eines behelflosen nackten Tiergewürms auf der Straße. Pflege bis Mitte 1994. Aus Vergnatzung deswegen: Der Beschluss mein Leben der Kunst zu widmen.

1990
Erstmal wieder arbeitslos.

1995
Fernlehrgang zum Bachelor of Arts und Finanzkaufmann. Danach großer Verbrauch von Verbrauchsgütern aller Art. Wegen all dem Geld. Durch den Ruhm.

1995 – 2000 Gefängnis
Der Roman »Der Fernfahrer macht eine traurige Neigung mit dem Köpfchen als er leise in seinem Auto fortfährt« entsteht.

2002
Auszeichnung: »The greatest man that ever has lived on earth in the whole time it exists« in Empfang genommen.

2003
Umschulung zum Lyriker.

2004 – 2007 Preise, Ruhm, Rum. Studium der Pädagogik. Referendariat an der Grundschule Schleswig. Kunstpädagogik. Großer Aufschneider im Lehrerzimmer.

Ausstellungen:
»Schweinenieren machen – erstmal entfernt – ein einschneidenderes visuelles Erlebnis«, Madrid
»Leckere Kekse backen ist ein Labsal«, Sydney
»Der Katzenpapa kuckt die Katzenkinder zornig an«, Optiker Meyne, Holmstraße.
 

29.01.10
22 

Spaß auf dem Leichenhof - Teil 2-6

22.01.10
21
Das Märchen von der Gerechtigkeit.

Anmerkung: Eine Oma sitzt am Bett ihres Enkelkindes.

Kind: Oma, Oma, Oma, liest du mir bitte bitte bitte bitte –

Oma: Leif Kevin, hol Luft, Leif Kevin.

Kind: – bitte bitte bitte bitte bitte bitte mit Krokant und Zimt und Sahne oben drauf … noch ein Märchen vor?

Oma: Na los, Leif Kevin – hüpf in die Falle, dann erzählt dir deine Oma noch eine Geschichte.

Kind: Oh prima, Oma!

Oma: Was möchtest du denn heute für ein Märchen hören, mein Kind? Wie wäre es denn mit …

Kind: Das Märchen von der Vollbeschäftigung, Oma!!!

Oma: Das hab ich dir doch schon so oft erzählt, Leif Kevin!

Kind: Das Märchen von der Unabhängigkeit der Medien, Oma?

Oma: Leif Kevin! (nachdenkliche Pause) Wie wäre es denn mit dem Märchen von der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft?

Kind: Nee, Oma, Frauen sind blöd.

Oma: Na gut, mein Kind. Ich erzähl dir eine Geschichte, die du noch nicht kennst.
Es war einmal vor langer, langer, sehr langer ...

Kind: Wie lange, Oma?

Oma: Mein Schatz, bestimmt sechzig Jahre ist das jetzt bald her!
Deine Oma war noch ein frischer Hering. Der Haushalt war vor kurzem erst hakenkreuzgesäubert worden, und den Menschen ging es gar nicht gut, denn das Königreich Deutschland lag in Trümmern, weil der König der Deutschen – ein kleiner wütender Mann – über die rechte Flanke gekommen und vor Stalingrad einfach ein wenig zu ungeduldig war.
Der Traum vom großdeutschen Reich war geplatzt.

Kind: Ach, wie schade. Das macht mich traurig, Oma.

Oma: Warte ab, Kind. Es ist ja eine schöne Geschichte.
Denn nach dem großen Krieg beschloss der Rat der sechs Könige, mal zur Abwechslung was für die Menschen im Königreich Deutschland zu tun. Sie erließen eine Reihe von Gesetzen.

Kind: Was denn für Gesetze, Oma?

Oma: Wir nennen sie die »Grundrechte«, mein Kind.

Kind: Warum denn Grundrechte, Oma?

Oma: Weil sie grundlegende, unumstößliche Gesetze sein sollten, mein Kind.

Kind: Eine schöne Geschichte, Oma!

Oma: Das erste dieser Gesetze besagt:
»Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Kind: Aber das muss man doch nicht so genau nehmen, oder Oma?

Oma: Natürlich, mein Kind. Das ist schon sehr wichtig.

Kind: Aber was ist denn mit der (neunmalklug) »prinzipiellen Gleichheit aller Menschen«? Warum gibt es denn dann so viele Menschen, die durch die Verschiebung eines Wirtschaftsstandortes in ein Billiglohnland ohne Zutun und Eigenschuld in der Folge einer Massenentlassung ihren Job verlieren und von dem scheinbar polemisch dummen Rest der Bevölkerung in ihrem Los als Sozialhilfe- oder ALG II-Bezieher als »Asoziale« abgestempelt werden?
Warum muss man sich denn schämen, das soziale Netz in Anspruch zu nehmen, in das man jahrelang eingezahlt hat.

Oma (erstaunt): Du bist so klug mein Kind. (tadelnd) Aber auch ein wenig frech!
Lass mich weitererzählen. Das zweite Gesetz besagt: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit,« und: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit«.

Kind: Das ist jetzt aber doch Quatsch, oder Oma?

Oma: Nein, da muss man sich schon dran halten.

Kind: Aber warum wird dieses Gesetz denn dann bei jeder friedlichen Demonstration andersdenkender Menschen mit Füßen getreten … mit Knüppeln geschlagen?

Oma (hastig weiterlesend): Das dritte Gesetz besagt: (zu sich selbst, geflüstert) Alle sind gleich? (zu Leif Kevin) Nee, das ist wirklich nicht so wichtig …

Kind: Warum nicht, Oma?

Oma: Frag nicht so viel, mein Kind.
Gesetz vier besagte:
»Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich –«

Kind: In Kombination mit Gesetz Nummer eins hieße das doch aber, dass Menschen glauben können, was sie möchten, oooohne dass sie dafür diskriminiert werden. Also dass ein selbstfinanzierter Moscheenbau völlig in Ordnung ist, da jeder Mensch das Recht hat seine Religion in dem ihm angemessen erscheinenden Gotteshaus zu pflegen, oder? (Oma winkt ab) Und Oma: So ein Gesetz sorgt doch auch dafür, dass es selbstverständlich sein sollte, dass die Menschen unserer Stadt nicht mehr versteckt in irgendeinem Hinterhof ihrem Glauben nachgehen müssen, als würden sie ihre Notdurft verrichten, für die sie sich schämen müssen? Das ist doch prima!

Oma: Du bist sehr klug, mein Kind. Aber das darf man eben einfach nicht zu genau nehmen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder seinen Hokus Pokus, seinen Islamquatsch und Mohammedzauber in unser gutchristliches Deutschland tragen dürfte. Neeee, oder?

Kind: Ich weiß nicht, Oma …

Oma (plötzlich laut): Willst du, dass die Terroristen dich kriegen, Kind?

Kind (erst erschrocken, dann nachdenklich): Da hast du Recht, Oma … Pfui, nee, das möcht ich auch nicht.

Oma: Und dann haben wir noch Gesetz Nummer fünf – und hier hatten sich die Denker der sechs Königreiche anscheinend einen Scherz erlaubt – das hieß nämlich so:
»Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.« Und weiter: »Eine Zensur findet nicht statt.«

Kind (redet aber das Geredete wird überpiept. Das Kind wundert sich.)

Oma: Genau, mein Kind. Du hast recht. Totaler Schabernack ist das!

Kind (wieder übergepiept.)

Oma: Genau, mein Kind!
Es gab noch eine Reihe von anderen Gesetzen – die man sich aber nicht mehr unbedingt durchlesen muss. Kennt man eins, kennt man alle.

Kind: Aber Oma, ich möchte sie alle kennen!

Oma (streichelt mit einem »Ach« den Kinderkopf): Und nun – zu der Moral von der Geschichte: Die sechs Könige wussten natürlich längst, dass sich solche Gesetze niemals wirklich umsetzen lassen. Das wäre ja völlig unrealistisch. Sie sollten den Menschen nur das Gefühl geben, nicht in einem totalitären System zu leben. (lacht)
(zärtlich) Deswegen sind diese Gesetze eben auch nichts weiter als ein schönes Märchen, mein Kind … Und so lebten die Politiker, die in ihren Kammern über die Gesetze lachten, im Gegensatz zum gemeinen Volk, ein glückliches, dickbäuchiges Leben bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht abgewählt worden sind, regieren sie immer noch auf Kosten Anderer.

Kind: Also sind die Grundgesetze Gesetze, die man verwässern, verändern, biegen und vergessen kann?

Oma: Genau, mein Kind. Das ist auch der Grund, warum du Onkel Schäuble auch von deinem Zimmer aus gutnachtwinken kannst. Wink mal, Leif Kevin!

Kind: Hallo, Onkel Wolfgang!

Oma: Hallo, Wolfgang!

Kind: Oah, Oma, tolle Geschichte. Jetzt kann ich gut schlafen. Danke, Oma!

Oma (küsst ihn): Und denk immer dran: Das Grundgesetz soll uns nicht stören …

Kind: Du hast Recht. Und alle Journalisten, die was anderes behaupten, sollten Schreibverbot bekommen.

Oma: Genau, mein Kind. Du hast etwas Wichtiges gelernt. Schlaf gut.

Kind: Schlaf gut, Oma Merkel.

Licht aus.

Kind: Ob der wütende kleine Mann vielleicht bald wiederkommt?

Oma: Schlaf jetzt, mein Kind. Sonst holt dich der Westerwelle …

Kind: Neeeeeein!

 

21.01.10
20

»Schlummer nach Banane« (digitale Fotografie, Berlin, 2010, Im Zyklus »Geisteswut § 3 - Lakonie der Weltenachse«)

20.01.10
19
Schluss

- Was?

- Ja.

- Was? Nicht dein…

- (Ernst) Doch!

- Du meinst es wirklich…

- Ja.

- Du machst mit mir Schluss?

- Ja.

- Hier im Zoo?

- Ja.

- Das… Ich versteh das nicht: Wir frühstücken zusammen. Wir sprechen über den Film, den wir gestern... Wir lesen die Zeitung. Du willst in den Zoo mit mir. Ich denke, okay, was soll’s, klar, na gut.
Wir gehen hier, keine Ahnung wieso, schnurstracks, direkt in den Nachttierkäfig. Wir kucken uns die Tiere an, wir sind gerade mal (kuckt auf seine Uhr) 3 Minuten da, und dann machst du Schluss?

- Ja…

- Das ist nicht dein (lacht).
(Sieht sie an) Doch – es ist dein Ernst.
Ey Katja, das kannst du doch nicht… WARUM?

Lange Pause

8 Jahre. Katja…

- Ja.

- Wir haben vorgestern gemeinsam einen gemeinsamen Ratenvertrag für unsere EBK unterschrieben. Wir beide zusammen.

- Ja.

- Ich bin gespannt, wie du mir das… erklären willst.

- (Hastig) Kann ich nicht. Konnte ich noch nie.

Pause

Und deswegen sind wir ja hier auch im Zoo. Im Nachttierkäfig. Zusammen. Das letzte Mal.

- Deswegen sind wir im Nachttierkäfig?

- Ja

Pause

Also… Siehst du dieses Flughörnchen da hinten?

- Das ist ein Streifenhörnchen.

Schweigen

(Entschuldigend) Hier steht’s…

- Letztens ging ich so durch den Zoo, alleine. Wie man das manchmal tut, wenn man nachdenken muss.
Und da hab ich dieses Flughörnchen gesehen. Da, kuck, dieses Flughörnchen war es glaub ich. Siehst du? Dieses Flughörnchen. Ist es nicht putzig? Siehst du?

Gewichtige Pause

Ohne Regung hockte das putzig harmlose Ding da und hat an irgend so einer scheiß Nuss gefressen. An einer harmlosen putzigen Nuss, die jeden Tag mit absoluter Verlässlichkeit, so sicher wie der Tod, von einem Zoowärter hier reingeworfen wird.
Die Nuss fällt runter. Das Flughörnchen frisst sie.
So geht das, keine Ahnung, vielleicht ein paar Jahre oder so, keine Ahnung, wie alt Flughörnchen so werden, dann ist das Flughörnchen tot.
Tot,
ohne sich jemals die Frage gestellt zu haben,
wo diese scheiß Nuss herkommt.
Es ist zufrieden mit seiner harmlosen Putzigkeit, mit seiner putzigen Harmlosigkeit und damit, diese so widerlichen, weil so harmlosen Nüsse zu fressen, und stellt sich niemals Fragen, sondern frisst, scheißt, stirbt.

- Äh

- Ich stehe also hier und seh mir dieses widerlich putzig harmlose Flughörnchen an und ärger mich darüber, bezahlt zu haben, dass diese armselige Kreatur hier in so einem infantilen Bewusstseinszustand krepieren muss. Ein so erbärmliches niederes Tier, nicht nur putzig harmlos, auch noch eingesperrt und total und absolut zufrieden damit. Ein Tier, das sich mit dem Simpelsten des Simpelsten begnügt, keine Fragen stellt, ohne Zukunft lebt und niemals den Horizont seines Käfigs überwinden wird/will. Ein Tier, das in absoluter Zufriedenheit mit der Begrenzung seines Bewusstseins existiert. Das eigentlich jede Erweiterung des Verstandes als störend und schmerzhaft empfindet.
Und plötzlich, wie ich es so ansehe, es ist zuerst so gar nicht richtig konkret, es dauert ewig, bis ich da bin, plötzlich denk ich so:

Pause

- Ja?

- Ich denke: Genau wie Du.

Schweigen

Weißt du, es ist echt witzig, ich bin ja nicht so gut mit Worten und die Dinge konkret zu machen, wie du… Weißt du (lacht), es war echt so, als hätte das Flughorn diese ganzen vagen Gefühle, die ich die ganzen Jahre hatte, endlich auf einen zentralen Gedanken konzentriert.

Schweigen

Und da dachte ich, in den Zoo zu gehen, zu dem Flughörnchen, wäre ein guter Aufhänger, um dir die ganze Geschichte zu erzählen…

Schweigen

Ich hasse dieses Flughörnchen.

Ich hasse es und alles, wofür es steht.

Schweigen

Ich lasse euch beide jetzt alleine.

Ich geh zu den Raubkatzen.

Machs gut, Boris.

Katja geht. Boris betrachtet das Streifenhörnchen.
 

19.01.10
18
18.01.10
17

Betroffenes Schweigen

– Wisst ihr, was der alte Hans Hee jetzt sagen würde?

– (lacht) Ja – »Fängt mit guter Aliteration an! Verklausuliert sich in schiefem Bild und wird dann sehr elliptisch.«

– Ja – er war schon ein echter Pedant.

Lange Pause des Schweigens.

– Aber auch unser kompetentester … unser aussagekräftigster Textdichter.

– Und er hat immer alle Texte für die Bestattungsanzeigen gemacht …
Und das sehr gut …

Jemand von hinten:
– Soll das ein Vorwurf sein?

– Pft … Nein … oder – ja, weiß nicht …

Jemand anderes:
– Ich meine, wir lesen ja alle die Bestattungsanzeigen. Hätte ja mal jemand von euch –

Jemand drittes:
– Hans hätte nicht gewollt, dass wir uns streiten. Das kann doch nicht sein. Auf seiner Trauerfeier.

Jemand von der Seite:
– Hans ist weg. Was belügen wir uns. Alles zerbricht. Alles zerbricht! Wir können genauso gut zusammenpacken. Hallo Anarchie, hereinspaziert!

– Nein, Hans hätte gewollt, dass wir kämpfen!
Holt eine Serviette und einen Stift, wir schreiben ihm jetzt eine Traueranzeige, die seiner würdig wäre.

– Das ist der Spirit. Auf Hans!

– Auf Hans und seinen Ehrgeiz. Möge er in uns weiterdichten, auf dass diese Trauertextdichtungsscham bald getilgt ist.

Alle:
– Ja!

Wildes Geschreibe
 

08.01.10
16
 
Der Katzenpapa kuckt die Katzenkinder zornig an

Wir versputen uns.
Alte Gebäude finden wir toll.
Werkzeuge rocken.
Wir wollen einsam sein.
Wir laden uns Freunde ein, wenn die Regale aus den Dübeln rutschen, und trinken Orangensaft, später Tee und essen Miniwürstchen.
Feuerzeuge, die nicht mehr gehen, werden hier nicht weggeschmissen – oh nein.
Wir werfen sie auf Menschen, die freundlich grüßen.
Wenn sie die Augen rollen, fluchen wir noch nicht mal.

Die Mutter hat ein Paket geschickt.
Wir essen Weihnachtskekse.
Jemand will jetzt sofort nach Hause. Er äußert Bedenken zur Wetterlage.
In der Gefriertruhe ist Gemüse.
Im Ofen überall Käse.
Letztens war ein Hund da.

Musik hören.
Den Heimweg finden.
Interessante Fernsehsendungen gut finden.
Haustiere von Freunden streicheln.

Wir haben ein sonderbares Altersgefälle.
Mit uns fängt der Freitag an.
Wir werden jünger.

Lass uns eine Gurke klauen und dancen.
 

Papa poes kijkt boos naar de kat-kindjes

We uit-haasten ons
Oude gebouwen, daar houden we van
Gereedschap is gaaf
Wij willen eenzaam zijn
We nodigen vrienden uit, als de kastjes uit de muur schuiven. Om sinaasappelsap te drinken,
Daarna thee en we eten mini-worstjes
Hier gooien we geen aanstekers weg als ze op zijn
We gooien ze naar vriendelijke, hallo zeggende mensen
Zelfs als zij hun ogen rollen vloeken we niet eens

Moeder zond een pakket
We eten kerst koekjes
Iemand wil gelijk naar huis gaan. Hij is bezorgd over het weer
Er zijn groenten in de vriezer
Er is kaas over de hele oven
Laatst hadden we hier een hond

Naar muziek te luisteren
Zijn weg naar huis te vinden
Interessante TV-programma’s leuk te vinden
Lieve dieren te aaien

Ons dagelijks leven heeft een vreemde contour
De vrijdag begint bij ons
We worden jonger

Laten we een komkommer stelen en dansen
 

Father cat wrathfully looks at the cat children

We out-hurry ourselves.
Old buildings, we find them great.
Tools rock.
We want to be lonely.
We invite friends over, when the cupboards slide out of the walls. To drink orange juice,
Later tea and we eat mini-sausages.
Here we don’t throw out the lighters, when they stop working.
We throw them at friendly greeting people.
When they roll their eyes we don’t even swear.

Mother sent a package.
We eat Christmas cookies.
Someone wants to go home immediately. He utters concern about the weather situation.
In the freezer are vegetables.
In the oven there is cheese all over.
Lately a dog was here.

To listen to music.
To find one’s way home.
To like interesting TV-shows.
To pet friends’ animals.

We have a strange slope of everyday life.
The Friday starts with us.
We grow younger.

Let us steal a cucumber and dance.

 

22.12.09
15

 

22.12.09
15
14.12.09
14

Spaß auf dem Leichenhof - Teil 1

07.12.09

 

13
Die Abenteuer von Knüllball und Mischfuke - Der Abenteuer erster Teil

Knüllball (grüßend):
Mischfuke.

Mischfuke (grüßend):
Knüllball.

Knüllball:
Der Fernsehprogramme gibt es viele.

Mischfuke:
Du referierst zu jener Zeit als es ihrer nur drei gab?

Knüllball:
Würdest du das fatalistisch finden? Habe ich sie doch erlebt jene Zeit und sehe ich mich dem Sturm der Medien oft hoffnungsarm gegenübergestellt …

Mischfuke:
Als medienkompetenter Mensch liegt es mir fern, dich aufgrund einer harmlosen Dreiprogramm-Nostalgik als fatalistisch zu ächten.
(nach einiger Überlegung) Doch finde ich es ein wenig fatalistisch, »fatalistisch« so ohne weiteres als problemimmanent in die Dreiprogramm-Nostalgie-Diskurs-Semantik einzugliedern.

Knüllball:
Meine Medienperzeptionsohnmacht provoziert bei mir ein großes Chargieren meiner emotionalen Grundunzufriedenheit.

Mischfuke:
(referierend) Wenn der Ärger bodenlos, egal ob mit, ob hodenlos
Kriegt man schnell ob reich, ob arm, ob des Ärgers Magen Darm.

Knüllball:
Magen Darm? Ob des Ärgers? Das halte ich für un- und außergewöhnlich.

Mischfuke: Wie wärs denn stattdessen mit:
»Kriegt man schnell, ob Geld ob keenes,
Ob seines Ärgers lange Beene.«

Knüllball:
Lange Beene?

Mischfuke:
Ja.

Knüllball:
Das ist ein unvollkommener Reim.

Mischfuke:
Hmm.

Knüllball:
Was reimt sich denn auf "keenes"

Mischfuke:
Penis.

Knüllball:
Das würde der Berliner nicht sagen.
»Kriegt ob seines Ärgers einen langen Penis?«
Außerdem ist das multipel politisch unkorrekt.

Mischfuke:
Sei doch mal ein bisschen dekonstruktivistischer.

Knüllball:
Sind wir jetzt schon wieder bei dieser Schlammgrube?

Mischfuke:
Ich hab es satt, für dich meine avantgarden Energien down-zu-sizen.

Knüllball:
Und ich habe es satt, meine emotionale Kompetenz für dich out-zu-sourcen.

Mischfuke:
Ich fahre zu meiner Mutter.
Ab.

Knüllball:
(finster)
Ja, fahr zu deiner Mutter. Und zuerst sitzt sie auf deiner Bettkante. Und dann rutscht sie mit ihrem breiten Hintern nach und nach auf das Bett. Gaaaanz langsam. Und dann liegt ihr zusammen im Bett.
Und kuckt »Lost«.
Und zuerst dreht sie dir nur im Haar. Du merkst es nicht einmal.
Dann legt sie ihr Kinn auf deine Schulter.
Und ihr kuschelt.
So, als wärst du nie von zu Hause weg gewesen.
So, als wärst du nie bei mir gewesen.
Und dann rollen die Augen deines Onkels über die Bühne und der Chor brüllt: »Cheeeeerio Miss Sophie.« Ein Hund hält eine Tafel in die Höhe auf der steht: »Ich rühre mit einem Löffel aus Zinn in dem Lieblingsgericht des Bundespräsidenten. Ich flaniere mit meinem sprechenden Zylinder aus Räucherlachs durch Berlin und fluche auf die verdammten Alltagsbummelanten. Hitler ist eine süße Maus.«
(nach einer Pause)
Das ist wohl deine Vorstellung von einem Samstagabend.

Ab.


 

01.12.09
12
Ältere Frauen und Alkohol

In Robin-Hood-Kostümen stürzen sie über den Rasen.
Wassereis, Zuckerhände, Fragezeichen. Stecknadelkopfgroße rostfarbene Punkte auf beigegelben Pflasterkissen. Wespen um abgekaute Kotelettknochen in aus Stahl gewebten Abfallkörben – am Rand heiß, wenn man sich dagegensetzt, schön heiß am Hinterkopf.
Hier, nimm einen Schlag ins Gesicht. Gerade war alles noch Spaß und hitziger Wille, und Einigkeit und Rausch.
Jetzt bin ich eine Spur zu betrunken. Eine winzige Spur. Eine winzige Spur.

Hier sind auf dem Rasen richtige weiße Linien gezogen. Mit Kreide und Maßband und dem ganzen Scheiß. Elfen schweben über dem Gras – in schwirrenden Linien küssen sie dir den Bauch.

Und mitten im Trubel, im Rufen, im Alb, lieg ich auf dem Rasen und tuschel mit dir.
In dein Ohr ziehen meine Fragen ein.
Eine gemütliche Wohnung mit Möbeln und Kram. Richtiges Porzellangeschirr steht in handwarmen Laugen in Bechern und Schalen, bei der Spüle und wartet, auf fleißige Hände, die sich ohne Angst reiben, wenn die Gelegenheit günstig, also durchführbar, scheint. Ich hab keine Angst, dass der Augenblick sich wandelt. Ich liege und schwitze, mit dem linken Augapfel, seh ich sie dann:

Eine Drehung um ihre Mitte. Der Blick ist vom Anheben ihres Körpers ganz müde. Ein Schluck, ein Schritt, ein Weggestolpert. Leute schmunzeln. Andere schütteln den Kopf im Verbot.

Hi hi, was für ein lustiger Abend. Gleich gibt es Stockbrot und Punsch. Gleich bin ich enttäuscht und gehe. Gehe wie immer enttäuscht nach Haus.
 

25.11.09
11
23.11.09
10

Bitte erschieß mich!
Ich bin gebaut worden mit der Macht den Planeten zu zerstören. Aber ich hab noch nicht mal Arme um mir in meinem Existenzekel die Adern zu öffnen.
Bitte, bitte erschieß mich.
 

19.11.09
9
Zehn kleine NPD-Prozente

Anmerkung: Zur Melodie des schrecklichen Bierzeltmachwerks der Toten Hosen mit dem Titel »Zehn kleine Jägermeister« (siehe Chorus und Bridge).


Ein kleines NPD-Prozent – machte Schlägerei,
Das fanden ein paar Idioten toll – da waren’s auch schon zwei.

Zwei kleine NPD-Prozente – waren nicht gern allein,
Sie zogen in den Osten ein – und waren plötzlich drei.

Drei kleine NPD-Prozente – verschenkten ein paar Bier,
Weil vielen das als Argument schon reichte – waren’s auch bald vier.

Vier kleine NPD-Prozente – über die man die Nase rümpft,
Verschrecken das Establishment – und warn deshalb bald fünf.

Fünf große NPD-Prozente – statt Verbot kam nur Geschwätz,
Und nun ziehn sie in den Landtag ein – und sind jetzt schon zu sechst.

Chorus und Bridge

Sechs große NPD-Prozente – Polemik, Hass und Lügen,
Das reicht nicht nur im Osten – bundesweit sind’s bald schon sieben.

Sieben große NPD-Prozente – werfen Steine in der Nacht,
Den Deutschen liegt das wohl im Blut – drum sind’s dann auch schnell acht.

Acht große NPD-Prozente – und die Partei ist nicht mehr klein,
Die Demokraten lächeln immer noch – und sie wachsen sich zu neun.

Neun große NPD-Prozente – fast jeder zehnte ist extrem,
»Die Linke« wird jetzt abgeschöpft – da waren’s endlich zehn.

Zehn gigantische NPD-Prozente – kein Ende ist in Sicht,
Idioten, Polemiker, Dummköpfe – ihr gebt der Partei Gesicht.

Chorus:
Einer für alle, alle für einen,
Die Rechte in Deutschland wird sich bald vereinen,
Sie kriegen die Dummen, Widerstand gibt’s kaum,
2020 und der Kanzler ist braun.

Bridge:
Untätig daneben stehen,
wenn der Rechtsstaat zerbricht.
Ihre Flaggen werden am Reichstag wehen,
Und sie zu wählen wird Pflicht.

Heißa, Heißa, Heißa, Juche, viel Spaß dabei!!!

 

15.11.09
8

Hm

10.11.09
7
Warteraum

Personen: Ein moderater Verfechter der bürokratischen Ordnung. Ein hilfloser Verfechter der bürokratischen Ordnung. Ein heftiger Verfechter der bürokratischen Ordnung. Zwei bullige Beamte.
Einige wartende Beamte.
Ort: Wartezimmer zu einer schmalen, gerade körperbreiten Eingangstür. In schnörkellosen Lettern steht in pompöser Größe darüber »Behörde zur Prävention des Abbaus von Vorschriften – Büro wider die Transparenz behördlichen Handelns«.
Zeit: Vielleicht ist es Nacht, vielleicht ist es Tag. Auf den grauen, endlos langen, fensterlosen Gängen mit den sich in ewiger Parallelität aufreihenden Stühlen, spielen einige Karten, während andere schlafen.

Auf einer langen Stuhlreihe sitzen und warten, bis zum weiten Ende gestreckt, in ähnlich schwarzen Anzügen gekleidete Herren. Sie alle sind ähnlich frisiert, haben ähnliche Aktentaschen bei sich.
Auf einem Haufen vor dem vorderen Ende der Stuhlreihe liegen Aktentaschen, auf einem zweiten Krawatten, auf einem dritten Köpfe.
Sobald der jeweils vorderste Wartende seinen Stuhl verlässt, rückt der Rest der Reihe in einer gut abgestimmten Choreographie höflicher Floskeln nach.
Es ist jedes Mal das Gleiche, wenn die Tür sich öffnet: Alle stehen auf, der vorderste Wartende knöpft seinen Kragen auf, legt seine Krawatte auf den einen Haufen, den Aktenkoffer auf den anderen, atmet tief durch, ruft »Leben und Sterben für die bürokratische Gesinnung« und zwängt sich durch die geöffnete, sich schnell hinter ihm schließende Tür. Fast augenblicklich danach hört man ein sägendes Geräusch, die Tür fliegt hastig auf, und der Kopf des Wartenden rollt, von einer gerade zu erahnenden Hand in Kettenhandschuhen geworfen, unter ihm folgenden Blicken auf den Haufen mit den Köpfen. So geht es im Minutentakt. Etwa mittig auf der Szene sitzen drei Wartende, die sich miteinander unterhalten, rechts der heftige, mittig der moderate und links der hilflose Verfechter der bürokratischen Ordnung. Nur wenn ein weiterer Wartender hineingerufen wird ist Ruhe. Unter den Stühlen sind große rote Knöpfe.

Heftiger Verfechter (erst die Wartenden zählend, dann feierlich skandierend): Beamte! Wir haben es bald geschafft. Es sind jetzt noch lediglich 4 Wartende. Ich kann nur sagen: Endlich.

Moderater Verfechter (zum Eingang schauend): Ja… Endlich…

Hilfloser Verfechter (auf den Boden schauend): Ja... Endlich… (und nach einer längeren Pause) Ich meine…

Heftiger Verfechter (heftig): Ja?

Hilfloser Verfechter: Also. Nicht, dass ich zweifeln würde! Gott behüte mich! (…) Es ist nur…

Heftiger Verfechter: Ja? (…)

Hilfloser Verfechter: Also… nicht, dass ich zweifeln würde… an der Sache… und ihrem Sinn… und unserer Gesinnung…

Heftiger Verfechter (lauernd): Sprechen Sie frei. Sie sind unter Gleichgesinnten und im Angesicht eines baldigen Todes. Sie können alles sagen, alles. (Mit Nachdruck) Alles (Er sucht mit dem Fingern nach dem roten Knopf unter seinem Stuhl).

Hilfloser Verfechter (mit plötzlichem Mut): Aber… Aber weiß einer von jemandem, der es geschafft… ich meine wir warten seit Tagen und ich hab noch niemanden wieder hinaus kommen sehen.

Ein Wartender entkleidet sich, ruft »Leben und Sterben für die bürokratische Gesinnung«, zwängt sich durch die Tür. Die drei schauen auf. Höflichkeitstänze beim Nachrücken. Sägendes Geräusch, Kopf rollt, verfolgt von den Augen der Wartenden, auf den Kopfhaufen.

Heftiger Verfechter: Also - als würde es darum gehen. Aber ja. (…) Es gab jemanden, der es via Beförderung hinaus geschafft hat. Der Wille muss nur stark, die Gesinnung fest genug sein. Ich habe davon gehört.

Hilfloser Verfechter: Wann?

Heftiger Verfechter: Aber darum geht es schon mal gar nicht.

Hilfloser Verfechter: Wann haben sie davon gehört?

Heftiger Verfechter (zeigt zu einem entlegenen Teil der Warteschlange): Abschnitt… 4.

Hilfloser Verfechter: Wir saßen doch die ganze Zeit zusammen. Das hätte ich doch gehört.

Heftiger Verfechter (heftig): Also, wir hätten nicht lange zusammengesessen, hätte ich von Ihrer Fragwürdigkeit gewusst.

Hilfloser Verfechter: Ich bin überhaupt nur hier, weil mir meine Schwester dazu geraten hat. (…) Warum müssen wir überhaupt warten? Warum bauen sie nicht eine Maschine, die uns alle auf einmal erledigt. Es wird doch ohnehin niemand befördert.

Der heftige Verfechter drückt auf den roten Knopf unter seinen Stuhl.

Moderater Verfechter (zu dem hilflosen Verfechter flüsternd): Seien sie doch lieber still Mann.

Aus der Tür kommen zwei kettenbehandschuhte bullige Beamte, die sich vor dem heftigen Verfechter aufbauen.

Heftiger Verfechter (zeigt auf den hilflosen Verfechter): Es ist meine Gesinnungs- und Bürgerpflicht, diesen Beamten anzuzeigen. Er hat sich durch das kritische Hinterfragen des Wartens fragwürdig gemacht - wobei anzumerken ist, dass er das Warten an sich und nicht nur den schleichenden Fortschritt des Wartens angegriffen hat.

Die beiden tragen den hilflosen Verfechter völlig teilnahmslos drei Plätze nach vorne, wo er mit dem Zweitplazierten Plätze tauschen muss. Dann: Der Erstplazierte steht auf, ruft »Leben und Sterben für die bürokratische Gesinnung« usw.

Moderater Verfechter (nach vorne gebeugt): Das haben Sie jetzt davon.

Hilfloser Verfechter: Ich bin nur hier, weil mir meine Schwester dazu geraten hat. (…) Also eigentlich hat sie mich regelrecht gedrängt.

Moderater Verfechter: Jetzt halten Sie doch endlich den Mund. (Er zeigt auf den heftigen Verfechter). Das hier ist ein echter Falke.

Hilfloser Verfechter: Wie soll es denn schlimmer werden? (…) Sowieso, was ist das Warten schon. Denken Sie darüber jemals nach? (Er zählt an seinen Fingern ab) Ohne Behörde kein Verständnis für die Zeit, ohne Verständnis für die Zeit kein Warten, ohne Warten keine Behörde. Also ohne Behörde keine Behörde. Was für ein Irrsinn. (an alle) Fällt das hier niemandem auf? Wir haben doch so viel Zeit zum Nachdenken!

Alle Wartenden blicken auf. Der heftige Verfechter drückt wieder hektisch auf den Knopf, 3 – 4 Mal.

Moderater Verfechter (zu dem Hilflosen gewandt): Keine Behörde? Nachdenken? Jetzt halten sie doch endlich den Mund. Sie, Sie, Sie grundalberner Mensch. Meinen Sie, Sie können hier, einen Schritt vor dem Tor, noch Bürokratieabbau betreiben? Nein! Und soll ich Ihnen mal was sagen: Es kann sehr wohl schlimmer werden. Für die anderen hier. Mit uns warten hier Tausende von Menschen, die nur noch den einen Willen im Herzen tragen. Wenn Sie die Behörde so sticht, dann scheißen Sie doch auf die Behörde. Dazu haben Sie doch jetzt die beste Gelegenheit. Scheißen Sie auf die Behörde! Oder gehen Sie! Aber machen Sie die anderen hier nicht verrückt.

Der moderate Verfechter blickt in die Gesichter der nun erschienenen Beamten in Kettenhandschuhen. Sie halten ihn für den Unruhestifter.

Moderater Verfechter (müde): Oh… (…) (plötzlich blass, nicht ohne Zynismus zu den beiden Wartenden) Meine Herren. Es war mir eine Ehre, mit Ihnen gewartet haben zu dürfen.

Sie packen ihn und tauschen ihn mit dem Hilflosen aus. Der moderate Verfechter ist an der Reihe. Krawatte aus, Aktentasche weg. »Leben und Sterben« usw.

Heftiger Verfechter: Das haben Sie nun davon!

Hilfloser Verfechter: (…) Er hat recht: Ich gehe jetzt.

Heftiger Verfechter: Sind Sie verrückt Mann! Sie werden gebraucht. Denken Sie doch mal an die mögliche Beförderung. Zeigen Sie doch einmal Schneid für die Sache. Wissen Sie, wie die Alternative hieße, wenn hier jeder aufstehen und gehen würde: Bürokratieabbau. Mann, wir wären arbeitslos.

Hilfloser Verfechter: Ich traue mich nicht! Ich weiß nicht warum! Das Ganze!

Heftiger Verfechter: Sie sind doch ein… Sie sind doch ein… reizbegnadeter Mensch.
Denken Sie doch mal an Fontane: Erscheint Dir etwas unerhört | bist Du tiefsten Herzens empört | bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit | berühr' es nicht, überlass es der Zeit.

Hilfloser Verfechter: Halten Sie doch bitte den Mund. Ich gehe jetzt. (Steht kurz auf, alle stehen auf: »Leben und Sterben«…, setzt sich wieder).

Heftiger Verfechter (Zeit schindend schaut er nervös nach dem Tor hin): Kein Freud ist ohne Schmerz, kein Wollust ohne Klagen | Kein Stand, kein Ort, kein Mensch ist seines Kreuzes frei | Wo schöne Rosen blühn, stehn scharfe Dorn dabei | Wer außen lacht, hat oft im Herzen tausend Plagen | Wer hoch in Ehren sitzt, muß hohe Sorgen tragen…

Hilfloser Verfechter: Bitte halten Sie den Mund.

»Leben und Sterben« – der Hilflose ist nun an der Reihe.

Heftiger Verfechter (tröstend): Das ist erhaben. Das ist schön. Gehen sie mit einem Lächeln. Mann, die Mutigen werden gebraucht. Wir müssen stark sein, wenn die anderen schwach sind. Wir müssen hinausstreben. Gehen Sie Mann - stehen und sterben sie wie ein Bürokrat. Für die Sache. Die Fahne im Herzen gehisst… Sie tun das Richtige. Denken sie doch mal an… Ihre Schwester. Das ganze ist eine Ehre.

Hilfloser Verfechter: Was für eine Fahne? Wovon reden sie.

Der Hilflose wehrt sich heftig, die beiden bulligen Beamten müssen ihn entkleiden und durch den Eingang zerren. Der heftige Verfechter zeigt ihm zwei Daumen.

Heftiger Verfechter: Eine Ehre.

Hilflose Verfechter (als er weggezerrt wird, laut): Was denn für eine Fahne! Was denn für eine Fahne, Sie Idiot, was reden Sie da, Sie hirnverbrannte Arschgeige, Sie Denunziant!

Die Tür bleibt in der Hektik offen stehen. Man hört ein Schreien und das sägende Geräusch sehr viel lauter als sonst. Es spritzt etwas Blut aus der Tür. Alle Wartenden schauen hin, nehmen die Hand zum Mund und werden sehr blass. Der Kopf rollt, kommt unglücklicherweise nicht ganz bis zum Haufen und bleibt in Höhe des heftigen Verfechters liegen. Die Tür schließt sich mit einem Knall. Stille.

Heftiger Verfechter (schaut und wartet eine Weile. Beugt sich nach vorne. Tippt sich auf die Lippen, lehnt sich mit dem Oberkörper auf die Arme): Ja… was für eine Fahne eigentlich. (Dann steht er schnell auf und geht).
 

04.11.09
6

Time is sogar money wenn man ein Frankfurter Display Dummy ist.
Dieser Neoprenanzug befindet sich nun in meiner persönlichen Kleidersammlung und ich laufe stolz mit ihm durch Berlin.
Kommunikationsversuche erwidere ich indem ich hyperventilierend auf meine Brust gestikuliere.
Manchmal noch ein hastiges: »Ich muss jetzt sofort surfen!«
 

02.11.09
5
 
Menschen und Mikrophone


Denn wenn du nicht mehr willst. Oder auch nicht mehr kannst.
Wer fährt uns nach Hause. Wir wohnen nicht hier.

Es ist vielleicht weit. So 3 Kilometer.
Wir nennen es Strecke. Sie bewegt unsre Leiber.

Und wir fahren da hin. Mit unseren Rädern.
Dort gibt es Getränke. Und beheizte Räume.
Und etliche Betten. Und zahllose Menschen.

Wir nennen es Bleibe. Wir finden sie gut.
Wenn wir lange da waren – finden wir sie dumm.

Wir fahren dort hin. Mit neuen Fahrrädern.
Und blitzenden Helmen.

Helme gut finden, entgegen der gängigen Meinung,
finden wir rott.

Die Party ging lange. Die Musik war öde.
Wir halfen zu fegen. Am Ende des Abends.

Wenn du nicht mehr willst. Gib mir das Ticket.
Du schläfst in dem Bett. Das nach ihr riecht.
Ich fahre S-Bahn. Mit quietschenden Rädern.

Ich fahr in die Zukunft. Voll fahrenden Rädern.
Voll eitler Partys. Voll tragender Ödnis.
Über zahllose Menschen. In beheizten Räumen.
Die das verdauen und sterben. Aber nicht das Fegen.
Verinnerlicht haben.

Ich sehn mich so entsetzlich, so mit allem hier weg
Wenn du hier wärst, wir wären uns einig:
Wir sind keine Menschen – wir sind Mikrophone
Und alles und alles verdreht unsre Mägen
Und alles und alles zerteilt unsre Obacht
Und alles und alles ist ein Stück einer Sehnsucht
Das Stück einer Sehnsucht nach Motto und Bier

Wir sind keine Menschen wir sind Mikrophone
Wir zerbrechen die Köpfe und in tausend Klänge
Wir teilen die Luft, die Menschen, die Räume
Wir können nur tönen, verstärken und stören

Ach so und noch trinken außerdem

 

27.10.09
4

Viel schlimmer als brotlose Kunst - ist das brotlose Kunst Betreiben schließlich eine der Deutschen liebsten Nebenbeschäftigungen - ist doch kunstloses Brot.
Was für ein Ärger, ist das Brot kunstlos gestaltet!

Da mag die Bäckerin noch so schöne Hände haben, ist das Brot lustlos geknetet, gebacken und serviert, schmeckt es nicht warm noch kalt.

Es gibt, wie ich unlängst festgestellt habe, in Deutschland, und jüngst massiv auch in Frankfurt, einen gigantischen Markt für das Backen, das Servieren und Bewerben (und natürlich das Perzepieren - s.o.) kunstlosen Brotes.

Wo soll uns das bloß hinführen?
Frankreich lacht sich ins Fäustchen. Haha. Wieder ein Millennium, in dem wir nicht besser backen müssen, um mit den Brotbackabilities der Deutschen mitzuhalten.

 

21.10.09
3
Zuhause

An einer Ecke, steht ein Hund ohne Ohren
Er schnüffelt, und alles
ist hier öde, befremdlich

Hände in den Taschen
Nach Hause gelaufen
Die Tiere machen Schreie
In einer Stadt deren endende Gassen
Kein Schreien erreicht.
In denen der Hall um die Mauern
Nicht an den Ohren der Menschen
Sondern an den Gehirnen
Einer tauben und dummen
Zivilfront zerbricht

Ein Schauer von Hass
Überkommt einen Menschen
Der eigentlich nichts
Außer Bier trinken wollte
Und die Menschen der Stadt hier
Mit offenen Augen
Zum ersten mal ehrlich
Also offen betrachtet
Und sich eingesteht,
Dass der Wunsch hier zu wohnen
Verflogen, wenn jemals vorhanden war.

Ich fahre nach Hause
Und esse die Menschen
trink die Gesichter
tret ihre Ärsche
Die die Gassen hier scheißen
Und vernünftige Brunnen
Ich habe das Leben
Euer Leben und meines
Verpasst und bin als solcher
Entlarvt und erleichtert

 

Home Sweet Home - Theaterwohnung XXXX Str. 71, Bornheim.

12.10.09
2
BDGAÜK (s. u.)

Szene: In der »Mini Playback Show Hauptprobe«

Eine Frau (genervt): Guten Abend, mein Name ist Marejke Amado.

Ein Kind sieht zu.

Kind (heiter und neunmalklug): Sie sind überhaupt nicht Marejke Amado. Sie sind ein Marejke Amado erstattendes Beleuchtungsdouble für die Beleuchtungsprobe.

Eine Frau (sauer): Und Sie sind ein ganz schön neunmalkluges, rotzlöffliges Mistgör.

Kind (seine Verkleidung als Kind abwerfend): Hab ich Sie. Ich bin nämlich Marejke Amado. Ich überprüfe stets meine, mich als Beleuchtungsdouble erstattenden Bühnendoubles auf Miesmuffeligkeit und mangelnde Geduldigkeit gegenüber zwar rotzlöffligen aber für unsere Show von eminenter Wichtigkeit seienden Kindern. Sie haben, das kann ich nicht anders sagen, aber mal gründlich verkackt und sind mit sofortiger Wirkung entlassen.

Eine Frau: Ha – Hab ich Sie. Auf jene von Ihnen in Bühnenpathos schroff raus gekloppter Kündigung hab ich nur gewartet. Ich bin nämlich in Wirklichkeit gar kein Beleuchtungsdouble sondern eine ihre Arbeitsweise vermutet habende und lediglich als Bühnendouble verkleidet operierende Agentin der Bühnendoublegewerkschaften.

Marejke Amado (sich ans Herz greifend): O Schreck. Die Furcht vor jenem Tag wütet schon seit längerem in meinem Busen.
Ich hätte es ahnen müssen: Just aus diesem Grunde haben Sie mich, in einem Moment freudscher Unachtsamkeit, auch zu Anfang gesiezt – weil Ihnen als Beleuchtungsdoublegewerkschaftlerin aufgrund Ihrer emotionalen Identifikation mit dem Gedoubelten natürlich der Respekt und die Furcht vor jenem nicht so einfach auszutreiben und ins sprichwörtliche Gehirn reingefickt ist.

Eine Frau: Das spielt hier keine Rolle.

Marejke Amado (spitzfindig): Sonst wären Sie wohl auch nicht in der Gewerkschaft, wenn Sie so einfach ausgefriedet und versöhnt mit dem in Ihrem Herz wütenden gekränkten Beleuchtungsdoublestolz umgehen könnten, wie es eigentlich gute, gott- und gesetzesgegebene Beleuchtungsdoublesitte ist.

Eine Frau (echauffiert): Sie dringen auf mich ein –

Marejke Amado (ins Wort): Kann es nicht auch sein, dass jener gekränkter Beleuchtungsdoublestolz Sie in der Auswahl Ihrer eigentlich im Grunde doch recht seicht und vernünftig mit den Beleuchtungsdoubeln umgehenden als Kinder verkleideten Beleuchtungsoriginalen befangen macht ….

Eine Frau (zusammenbrechend): Hören Sie auf.

Marejke Amado: Kann es nicht auch des weiteren und darüber hinaus sein, dass ich eine eigentlich herzensgute und der Abkömmlichkeit gegenüber dem Publikum genüge tuen wollende Superfrau bin, der Sie in den Tiefen Ihres Herzens eigentlich neiden und die aufgrund dessen, Ihre machtvolle Position als Bühnendoublegewerkschaftsgeheimagentin ausnützend, aus niederen Zwecken zu vernichten suchen?

Eine Frau: Ja, Sie haben recht, hören Sie doch auf, Sie haben recht. Recht. Recht. Recht.

Marejke Amado (ihre Verkleidung als Marejke Amado abwerfend): Ha – hab ich Sie. Gestatten Sie – Zinnschlegel von der Beleuchtungsdoublegewerkschaftsagentenüberprüfung. Kann ich Sie bitten, kurz gemeinsam mit mir aus der Beleuchtungsprobensituation herauszutreten. Es besteht dringender Tatverdacht gegen Sie.

Die Frau versucht zu fliehen. Der Kommissar schießt ihr hinterher. Beide weg.

Kameramann (zum Beleuchter): Echt gut organisiert die Beleuchtungsdoublegewerkschaftsagentenüberprüfungskommissionen.

Beleuchter: Jedes Mal das Selbe, jedes Mal das Selbe.

 

09.10.09
1
Frankfurt am Main: EZB

Willkommen Welcome Bienvenue.
Frankfurt am Main – ich hab dich, du hast mich.

Gegenüber die Europäische Zentralbank, sie flüstert irgendwas.
Ich sitze im Theater und staune an ihr hoch.

Nachdenklich:
Was sagt das?
Das Ganze?
Das ganze so-in-die-hohe-Luft-Gebaue, mit zirkusmanegengroßen Logos drauf und Antennen, die Gott in der Achsel kitzeln?
Come on und jetzt mal ganz ehrlich, EZB,
das soll einem doch nur eins sagen:
»Einen Scheiß bist du wert! Ich lach dich aus, du dummer Mensch.
Du bist wahrscheinlich noch nicht mal jemand, der in mir rumlaufen darf?
Hah, dann aber mal gleich: Spirituelle Ehrfurcht.
Hast du vielleicht gar nicht gemerkt – aber nachdem euer Gott sich als ausgedacht herausgestellt hat,
da bin ich gekommen.
Stelle war ja frei.
Haha.
Du bist sogar weniger als einen Scheiß wert.
Kuck mich mal an:
Ich bin ein hohes Haus in Penisform.
Ohne Fahrstuhl kannst du mit deinen kleinen Menschenbeinen nicht mal zur Hälfte in mir hochgehen.
Dass euch das nicht albern ist.
Man könnte mich auch der Länge nach bauen.
Ihr seid so blöd, überlegt noch nicht mal, warum man das nicht macht.
Dumm dumm dumm.
Dass euch das gar nicht lächerlich ist, mich anzubeten, ihr dummen dummen Menschen.
Haha – Ich bin die konkreteste Form eurer im Reglementierten pervertierten Begierde.
Ich bin Gott.
Und du bist weniger als einen Scheiß wert.«

Einen Preis aus-»loben«
»Gläubig«-er
Geld-»schein«
»Schuld«-en
usw.

Finanzsemantik equals theologische Semantik.
Und hier in Frankfurt, da hat das deutsche Bank/Kaufmannswesen dem deutschen Kapitalismus aber mal einen burlesken Altar errichtet.

Wenn das alles nicht mehr so ist mit kapitalistischer Hegemonialstruktur, dann wird das bestimmt zu einem Museum umgewandelt.
Die Leute gehen durch das Museum zeigen auf die längst tote EZB und sagen:
»Kuck mal, wie albern. Warum haben die das nicht der Länge nach gebaut?«

Also länger als 100 Jahre kann das nicht mehr dauern, bis die Menschen feststellen, dass das ein großer Quatsch ist alles.
In your face EZB:
Wenn die Menschen zufrieden wären, bräuchten wir deine ganze Masche nicht.
Und wenn du den Menschen nicht immer so repressiv ins Gewissen reden würdest:
»Kauf mal ruhig ein bisschen mehr ein.«
»Und Schuhdeo noch.«
»Wenn Tante Karen erstmal tot ist, dann versetz ich ihre Gildeclownsammlung und kauf mir ein neues Modding, mit Gravur – Yeah«
und ähnlicher Kram für den wir uns in der Hölle dann irgendwann selbst kasteien werden –
dann würden wir viel schneller dahinter kommen, dass du für eine Spirale des Unglücks stehst:
Uns fallen die Haare aus
Unser Zahnfleisch geht zurück.
Keine Zeit für Familie und Freunde.
Keine Familie und Freunde.

Je produktiver wir sind umso mehr wird auf uns abgeladen.

Wir sind depressiv überfordert unglücklich.

Und dann gibt es noch das Geheimnis, das jeder kennt (obwohl seine Erfüllung doch unser System am Laufen hält):
Kaufen macht nicht glücklich.
Mehr besitzen als man benötigt macht nicht glücklich.
Sowieso, dieses Diktum, dass Glück nur möglich ist, wenn man sich darum bemüht, macht nicht glücklich.
Jetzt mal ein kleines Geheimnis vor dem der Kapitalismus große Angst hat, weil der sich dann – Peng – mit einem Mal in Luft auflösen könnte:
Zufriedenheit macht glücklich.
»Hmm – ich hab Hunger auf ein Brötchen, ich kauf mal drei« – Nein.
»Hmm – Mir ist langweilig, ah ich habs: Mein neues Hobby wird Tontaubenschießen« – Nein.
»Hmm – Gut: Mintgrün für das Gästehaus, dann wird es uns allen viel besser gehen« – Nein.

Der Motor von Überverbrauch ist Langeweile und Depression und die merkantile Illusion Wachstum würde daran was ändern und uns glücklich machen – Hä hä einer der größten Tricks von der EZB und ihren Kumpels in nah und fern.

Nur die europäische Zentralbank weiß:
»Wachstum existiert nicht.
Hi hi – das ist mein größter Trick.
Euer Spiritus Sancti existiert mal so was von gar nicht.
Wachstum gibt’s nicht.
Das, was ihr unter Wachstum versteht.
Das ist nur eine Umverteilung von Energien, Ressourcen und Kapital (das letzte begreift sowieso kaum jemand).
Haha, damit etwas wächst braucht es Energie, ganz einfache Rechnung.
Blume braucht Wasser, Erde, Sonne.
Und so saug ich mir das woanders ab, damit ich so groß und stark werden kann.
Zum Beispiel in Afrika.
Oder bei den Leuten die in mir rumheizen und meinen das würde irgendwas an ihrem persönlichen Glück ändern.
Dummköpfe Dummköpfe Dummköpfe.
Ihr seid so dumm«.

Ich kucke raus und staune:
Wow – was bist du für ein Riesen[XXX] EZB.
Was bist du für ein gewaltiges [XXX].

Die EZB kuckt zurück und sagt:
Willkommen Welcome Bienvenue
Nis-Momme Stockmann – ich hab dich, du hast mich.

 
Nis-Momme Stockmann
Foto: Piero Chiussi
Biografie
 
Schauspiel Frankfurt
Neue Mainzer Straße 17 | 60311 Frankfurt am Main
Tel: 069.212.37.000