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SCHAUSPIEL FRANKFURT
sehr geehrte damen und herren,liebes publikum,

die Spielzeit 2011/12 haben wir unter das Motto »Sein oder Haben« gestellt. Ein Motto ist ja immer so eine Sache. Dieses ist sehr einfach – und sehr grundsätzlich. Uns interessiert, dieser Fragestellung mit dem Spielplan und den sehr verschiedenen Inszenierungen, die in dieser Saison entstehen, theatralisch nachzugehen.
»Sein oder Haben«, das hat nicht nur viel mit den beiden großen Stücken von Shakespeare zu tun, die wir spielen – Hamlet stellt seine ganze Existenz zur Disposition, der reiche Jude Shylock verlangt für sein Geld ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Kaufmanns von Venedig. Sein oder Haben, das ist auch, wie ich finde, eine Frage in der Stadt, in der wir leben, in Frankfurt.
Bestimmt kein Zufall, dass die Stadt Frankfurt auch in »Der Kaufmann von Venedig« Erwähnung findet.

Woran misst sich Erfolg hier und heute? Das Vertrauen in den Fortschritt unserer Leistungsgesellschaft ist immerhin in jüngster Zeit tief erschüttert worden. Früher litten die Menschen unter den Ansprüchen von außen, an den repressiven Normen verklemmter Gesellschaftsstrukturen – davon handeln Schillers »Räuber«, mit denen wir die Saison eröffnet haben.
Der Mensch will so viel sein und dabei möglichst auch noch alles haben. Die Einverleibung der Welt (das Haben) steht dem Selbstbezug zur Welt (dem Sein) scheinbar unvereinbar entgegen. Von den Lebenslügen, die wir täglich in diesem Spannungsfeld brauchen, hat Ibsen in seiner »Wildente« erzählt. Zu sein, bedeutet auch die Suche nach dem Sinn – zu haben, konfrontiert uns dagegen mit der Angst vor Verlust und Vergänglichkeit. In der antiken »Medea« von Euripides setzt eine Frau ihre Ansprüche radikal und zerstörerisch durch. Schließlich: wie viel man haben und dennoch unglücklich sein kann, erfahren wir in Fitzgeralds »Der große Gatsby«: Eine Tragödie des Aufstiegs.

In der laufenden Spielzeit finden sich bekannte Regiehandschriften wieder von Michael Thalheimer, René Pollesch oder Karin Henkel. Der junge Regisseur Christoph Mehler ist neuer Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt. Aber auch neue Regisseure kommen nach Frankfurt: Enrico Lübbe hat »Die Räuber« inszeniert und Barrie Kosky macht endlich wieder einen Ausflug von der Oper ins Schauspiel. Wir zeigen Uraufführungen unseres viel beachteten Hausautors Nis-Momme Stockmann sowie von René Pollesch, Kevin Rittberger und Lothar Kittstein.

Für das junge Publikum wird es zwei neue Inszenierungen geben, wir nehmen außerdem wegen der großen Nachfrage »Roter Ritter Parzival« wieder auf, der letztes Jahr mit dem FAUST-Preis des Deutschen Bühnenvereins ausgezeichnet wurde. Das Engagement im Bereich Kinder- und Jugendtheater liegt uns besonders am Herzen.

Eine Vielzahl von Beiprogrammen, Projekten und Reihen hält das Schauspiel Frankfurt lebendig und auf Augenhöhe der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Die Frankfurter Gesprächskultur erhält ein neues Forum: Einmal im Monat wird der Publizist Michel Friedman Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft nach Frankfurt einladen, um mit ihnen über Fragen von Sein oder Haben zu diskutieren.

In den zwei zurückliegenden Spielzeiten haben Sie, meine Damen und Herren, unser Theater so oft besucht wie schon lange nicht mehr. Viele ausverkaufte Vorstellungen und immer mehr Abonnenten sind für uns Ausdruck Ihres Vertrauens – und ein erfreulicher Beleg dafür, dass das Schauspiel Frankfurt in der Mitte der Stadt und ihrer Gesellschaft angekommen ist. Ich lade Sie herzlich ein, auch im dritten Jahr meiner Frankfurter Intendanz weiter den Spielräumen und Widersprüchen des Menschlichen auf der Bühne nachzuspüren.

Irgendwie ist doch das Theater, ist das Gespräch über die jüngste Premiere, die Begegnung mit dem eigenen, Frankfurter Ensemble, nicht mehr wegzudenken aus der Stadt. Das ist gut so.

Ihr

Oliver Reese

Intendant

 
Schauspiel Frankfurt
Neue Mainzer Straße 17 | 60311 Frankfurt am Main
Tel: 069.212.37.000